Mein anderes Leben

2015 MeinAnderesLeben MatsStaub

Mats Staub . Olten . Schweiz

Nomen est omen? Videoprojekt mit Festivalbesuchern

Matthias oder Maren, Helene oder Hubert, Ben oder Emma. Vornamen werden uns in die Wiege gelegt. Einmal beurkundet, bleibt der Name uns ein Leben lang erhalten. Aber welche Rolle spielt der Name eigentlich für unser Leben? Prägt er uns, oder füllen wir ihn mit Bedeutung? Wie wäre es, ein anderer zu sein und mit einem anderen Namen zu leben? In seinem neuesten Projekt fragt der Schweizer Künstler Mats Staub nach Namen. Dazu bittet er Festivalbesucher in eine kleine Video-Box. Seine Aufnahmen präsentiert er später in einer Installation. Die Video-Box befindet sich vom 02. bis 06.07. im Kassenfoyer des Schauspielhauses und vom 04. bis 06.07. im Foyer des Kulturzentrum Pavillon.

In den letzten Jahren war Mats Staub, der Antworten auf gängige Lebensfragen zu außergewöhnlichen Kunstprojekten verdichtet, mit unterschiedlichen Projekten bei den Theaterformen zu Gast. 2014 fragte er nach zehn wichtigsten Ereignissen eines Lebens, 2013 präsentierte er mit 21 - ERINNERUNGEN ANS ERWACHSENWERDEN eine berührende Biografiengalerie des 20. und 21. Jahrhunderts.

Das in Hannover entstandene Video lässt sich über unten stehenen Link 'Video anschauen' abrufen - Log-In-Passwort ist formen15.

Website Mats Staub

Video anschauen

Idee . Konzept . Leitung Mats Staub Kamera Benno Seidel Musik Andrea Brunner Grafik Krispin Heé Produktionsleitung Klaas Werner Assistenz Marielle Schavan Koproduktion Festival Theaterformen . Festival Belluard Bollwerk International

Gefördert durch Pro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung


Cumberlandsche Galerie


DI 07.07.-SO 12.07.

07.07.18:00 - 20:00 Uhr . Vernissage

08.07. - 12.07.14:00 - 20:00 Uhr

Eintrittfrei
Dauerindividuell
Sprache

Der Eintritt zu "Mein anderes Leben" ist frei.

"Erzählt euch eine Geschichte."

Mats Staub kam mit dem Festival Theaterformen vor 15 Jahren zum ersten Mal in Berührung – damals als Stipendiat. Seither sind fünf künstlerische Leiter gekommen und gegangen. Mats Staub ist geblieben, und über die Jahre ist eine enge Beziehung gewachsen zwischen dem „Reisenden in Sachen Erinnerung“, wie er sich selbst bezeichnet, und dem Festival. Mats Staub hat uns mitgenommen auf seine Erinnerungsreisen und losgeschickt, die eigenen Erinnerungen einzufangen – zum Beispiel die zehn wichtigsten Ereignisse eines Lebens oder die Umstände des 21. Lebensjahres, in dem man damals offiziell erwachsen wurde. Bevor Mats Staub wieder einmal anreist und am hannoverschen Bahnhof aussteigt, mit seinem neuesten Projekt MEIN ANDERES LEBEN im Gepäck, hatten wir nun endlich einmal Gelegenheit, den langjährigen Weggefährten des Festivals nach seinen Theaterformen-Erinnerungen zu fragen.


„Erzählt euch eine Geschichte.“ So hat alles angefangen, Ende Juni 2000, beim Festival Theaterformen in Braunschweig und Hannover. Ich war Stipendiat bei der Sommerakademie „Moskauer Zeit“, konnte erstmals Aufführungen von Alain Platel und Forced Entertainment sehen und zusammen mit russischen Theaterstudentinnen an einem Workshop von Jefgeni Grischkowez teilnehmen. „Erzählt euch eine Geschichte“, so lautete seine erste Aufgabe, die mich nervös und ratlos machte. Ich war nur ein Theaterwissenschaftsstudent aus der Schweiz, der endlich seine Abschlussarbeit anpacken sollte und keine Ahnung hatte, was danach werden könnte. Ich dachte, dass ich im Vergleich mit den Studierenden aus Russland nichts Interessantes zu erzählen hätte. Ich dachte, dass ich keine Geschichte habe. Aber meine Großmutter hatte eine. Und so erzählte ich, wie die Professorentochter aus Bern in den 1930er Jahren nach Afrika reiste und sich dort in einen Schweizer Bauernsohn verliebte, der nur wenige Kilometer von ihrem Zuhause aufgewachsen war, aber mit dem sie in der Heimat nie hätte zusammenkommen können. Damals hat für mich nichts darauf hingedeutet, dass ich neun Jahre später in der Cumberlandschen Galerie MEINE GROßELTERN | ERINNERUNGSBÜRO würde zeigen können, mein erstes eigenes Langzeitprojekt. Damals spürte ich nur, wie ich im Laufe der zehn Festivaltage aufblühte. Und jetzt, wo ich die Programmzettel und Notizen von damals hervorgesucht habe, spüre ich wieder den Moment, als ich die zwei einfachen Sätze formulierte, die alleine auf einer vollgeschriebenen Rückseite stehen: „Ich bin glücklich. Ich lebe.“

Dieser erste Besuch des Festivals Theaterformen gehört zu den wichtigsten Ereignissen meines Lebens. In diesem Sommer liegt er fünfzehn Jahre zurück, aber er wird auch in diesem Sommer zu meiner Gegenwart gehören. Er wird wieder aufleben, wenn ich auf denselben Plätzen und in denselben Räumen stehe, und zugleich wird er sich mit neuen Erlebnissen zu einer neuen Geschichte vermischen, wie schon so oft seither. Dieses Festival ist für mich wie kein anderes zum Lieux de mémoire geworden, zur Erinnerungslandschaft. Im Park zwischen großem und kleinem Haus in Braunschweig oder auf der Treppe zur Cumberlandschen Galerie in Hannover: Überall sind Erinnerungen an erste Male gespeichert, überall gibt es Jahresringe, Überlagerungen und Fortschreibungen.

Jedes Mal, wenn ich in Hannover aus dem Zug steige, muss ich auf dem Bahnsteig kurz innehalten. Ich habe einen Termin, ich werde erwartet, gleich geht es um die nächsten Arbeitsschritte – aber gerade noch nicht, zuerst habe ich eine Verabredung mit der Vergangenheit. Es gibt inzwischen so viele Erinnerungen an Hannoverbesuche, dass ich nie weiß, welche mir auf diesem Bahnsteig als erste in den Sinn kommen wird. Ich lasse mich überraschen. Ich bleibe stehen, ich atme aus und schon ist ein Moment da, ein Gefühl von damals, als ich noch nicht wissen konnte, dass es diesen Moment heute geben wird. Ich schaue, wie weit weg mir jener Moment nun vorkommt, wie nahe er mir geht. Dann lasse ich ihn ziehen, nehme meinen Koffer und gehe Richtung Ausgang. Doch bevor ich ganz im Jetzt ankomme, sehe ich nun seit sechs Jahren immer wieder, immer noch, wie in der Bahnhofshalle von den Treppen aus dem Untergrund der Chor der Migranten emporsteigt: die singenden Gesichter aus NIEMANDSLAND – ich könnte nicht mehr sagen, was sie 2009 gesungen haben, aber sie sind mir in Mark und Bein geblieben.

In diesem Sommer kann ich zum fünften Mal eine Arbeit bei den Theaterformen zeigen. Weil hier schon so vieles weitergehen konnte, fühlt sich jeder Besuch vielversprechend an. Es wird nicht bei der Wiederbegegnung mit der Vergangenheit bleiben, es wird etwas Neues geschehen, etwas, von dem ich dann vielleicht noch nicht ahnen kann, was es in Zukunft alles auslösen wird, aber etwas, das ich gerade bei diesem Festival jedes Mal wieder für möglich halte: ein Erlebnis, das mich aufblühen lässt, eine Begegnung, bei der ich von Neuem sagen kann: „Ich bin glücklich. Ich lebe.“

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Foto: 21 - ERINNERUNGEN ANS ERWACHSEN WERDEN © Andreas Etter