God Bless Baseball
ゴッド・ブレス・ベースボール


Toshiki Okada . Japan

Familiäres Emanzipationsdrama mit sportlichen Einlagen

Eine Leidenschaft, ein Kindheitstrauma, ein unschuldiges Spiel, ein Hochleistungssport oder ein Propagandawerkzeug der USA, um besetzte Länder kulturell zu assimilieren: All das ist Baseball, wie Toshiki Okada ihn uns aus japanisch-koreanischer Perspektive zeigt. In Japan 1872 und in Korea 1905 eingeführt, erfreut Baseball sich in beiden Ländern einer solchen Beliebtheit, dass die Öffentlichkeit des Spiels auch privat genutzt wird: Heiratsanträge auf den großen Bildschirmen im Stadion sind keine Seltenheit. In God Bless Baseball erzählen zwei Frauen und zwei Männer von ihren persönlichen Erlebnissen mit dem Sport, wobei in einer geschickten Kreuzung kultureller Codes die japanischen Figuren von koreanischen Schauspielern gespielt werden und umgekehrt.

Humorvoll und mit einem scharfen Blick für gesellschaftliche Verstrickungen nimmt Toshiki Okada eine Familienaufstellung vor, mit Japan und Korea als ungleichen Brüdern und den USA als dominantem Vater, gegen den letztlich nur einer aufbegehrt und sich nicht von nationalen Identitäten vereinnahmen lassen will.

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Text . Regie Toshiki Okada Übersetzung . Dolmetschen Hongyie Lee Mit Yoon Jae Lee . Pijin Neji . Sung Hee Wi . Aoi Nozu Bühne Tadasu Takamine Kostüme Kyoko Fujitani (FAIFAI) Dramaturgie Sugatsu Kanayama (Tokatsu Sports) . Hongyie Lee Bühnenregie Koro Suzuki Bühnenassistent Kazuhiko Nakahara Licht Ayumi Kito . Yukie Shibata Ton Yuji Tsutsumida (WHITELIGHT) Video Takaki Sudo Videoassistent Yoshitaka Shimada Übersetzung Japanisch-Englisch Aya Ogawa Übersetzung Japanisch-Deutsch Andreas Regelsberger Übertitel Kaku Nagashima Einrichtung Übertitel Tsukasa Yajima Stimme Jerome Young Produktionsmanagement Tamiko Ouki (precog) Tourmanagement Mai Hyodo (precog) Eine Produktion im Auftrag von Asian Culture Complex ­ Asian Arts Theatre Produktion chelfitsch in Zusammenarbeit mit precog Koproduktion Asian Culture Complex ­ Asian Arts Theatre . Festival/Tokyo . Taipei Arts Festival mit Unterstützung von FringeArts Philadelphia . Japan Society  New York . Museum of Contemporary Art Chicago . The Clarice Smith Performing Arts Center at the University of Maryland . Wexner Center for the Arts at The Ohio State University Unterstützung Recherche Doosan Art Center in Zusammenarbeit mit Kinosaki International Arts Center . Steep Slope Studio . Sample

Im Rahmen von Our Common Futures gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes


Staatstheater Kleines Haus


09.06. - 10.06.19:30 Uhr

EintrittVVK 18 Euro . AK 20 Euro
ErmäßigtVVK 9 Euro . AK 10 Euro
Einführung10.06. 19.00 . Foyer Kleines Haus
Dauer1h35 . keine Pause
SpracheJapanisch und Koreanisch mit deutschen und englischen Übertiteln

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Japan, Korea und Baseball

von Taisuke Shimanuki

God Bless Baseball schildert die historischen Beziehungen zwischen den USA, Japan und Korea (Nord- und Südkorea) anhand von Baseball. Um darüber mehr zu erfahren ist es notwendig, ein wenig in der Zeit zurückzugehen.


In Japan und Korea hat die Modernisierung wesentlich später eingesetzt als in Europa. In Japan legt man ihren Beginn allgemein auf Meiji-Restauration (jap. Meiji ishin) von 1868, in welcher die Regierungsmacht von den Samurai an den Kaiser überging. Der japanische Ausdruck ishin lässt sich sowohl mit Revolution als auch mit Restauration übersetzen. Die Meij-Restauration war eigentlich ein politischer Machtkampf innerhalb der Klasse der Samurai.

Trotz der Isolationspolitik, die Japan seit dem 17. Jahrhundert verfolgte, beeinflusste der Handel mit den Niederlanden die Modernisierung auch auf kultureller Ebene. Es ist nicht etwa so, dass die Modernisierung plötzlich im 19. Jahrhundert über Japan wie eine Naturkatastrophe hereinbrach: Seit der Meiji-Restauration ist Japan bestrebt, Europa mit ungeheuerlichem Tempo einzuholen. Zuvor richteten sich die Nationen Ostasiens ihre Herrschaftssysteme am Modell Chinas aus.

So unterhielt beispielsweise das Shogunat der Edo-Zeit im 17. bis 19. Jahrhundert Beziehungen auf Augenhöhe zwischen den jeweiligen Staatsoberhäuptern, nämlich dem Shogun für Japan und dem König auf koreanischer Seite. Da aber da der japanische Kaiser oberhalb dieser Ebene angesiedelt ist, wurde Korea in der Folge als Japan untergeordnet betrachtet. Im Gegensatz dazu sah sich Korea als rechtmäßigen Nachfolger der chinesischen Zivilisation und betrachtete Länder wie Japan als kulturell unterlegen, was nichts zur Vereinfachung der weiteren Beziehungen zwischen Japan und Korea beitrug.

Mit der Annexion Koreas durch Japan im Jahre 1910 änderten sich diese Beziehungen auf einen Schlag. Zwar führte die Kolonisierung Koreas im Rahmen der politischen Wirren Ostasiens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem Modernisierungsschub, doch brachte sie auch großes Leid mit sich. Die Herrschaft Japans, welche Korea immense physische wie psychische Opfer abverlangte, dauerte bis 1945. So fiel in diese Zeit auch die Modernisierung der Hauptstadt Seoul durch Strukturmaßnahmen, die Enteignung von Land, Zwangsarbeit sowie die erzwungene Annahme japanischer Familiennamen durch die koreanische Bevölkerung.

Korea als Spielball Japans

Mit der Niederlage der Vertragspartner des Dreimächtepaktes, Japan, Deutschland und Italien, endete der Zweite Weltkrieg. In der Folge vertieften sich die Beziehungen zwischen Amerika, Japan und Korea.

Unter der Herrschaft der Alliierten mit den USA im Zentrum waren Japan zwar politische Beschränkungen auferlegt, doch als Bastion des Kapitalismus in Asien während des Kalten Krieges wurde es wohlwollend behandelt und erfuhr einen beeindruckenden Wiederaufbau.


Gleichzeitig dauerten die politischen Wirren in Korea weiter an. Unmittelbar vor Kriegsende besetzte die Sowjetunion, die eine pro-sowjetische Regierung einrichten wollte, den nördlichen Teil der koreanischen Halbinsel. Vom Süden her marschierten die Alliierten ein und es begann die Treuhänderschaft unter US-Regierung. Der Nord-Süd-Konflikt, der wie eine verkleinerte Version des Kalten Krieges zwischen West und Ost erschien, wurde zusehends komplizierter – insbesondere im Hinblick auf unterschiedliche Machtinteressen im Inland. So besiegelte der Koreakrieg, der 1950 begann, die Trennung Koreas, die hier ihren Anfang nahm und bis zum heutigen Tag fortbesteht: Entlang des 38. Breitengrads ist Korea in die Demokratische Volksrepublik Korea im Norden und die Republik Korea im Süden getrennt.

Südkorea, das unter der japanischen Herrschaft eine leidvolle Zeit erlebt hatte, gesellte sich gemeinsam mit Japan zu dem pro-amerikanischen und anti-kommunistischen Lager der Westmächte, so dass Fragen der Vergangenheitsbewältigung zwischen Japan und Korea auf Eis gelegt und dem Lauf der Geschichte anheim gegeben wurden. Im Vergleich zu Japan, das unter der amerikanischen Besatzung einen enormen wirtschaftlichen Wiederaufbau erfuhr (1956 verkündete bereits Slogan, dass nun „die Nachkriegszeit endlich vorbei“ sei), waren die Lasten, die Südkorea zu schultern hatte, ungleich größer.

Worum ging es in dem Gwangju-Massaker?

Am 16. Mai 1961 führte der Generalmajor Park Chung-hee (1917-1979) mit dem stillen Einverständnis der US-amerikanischen Regierung einen Staatsstreich durch und errichtete eine diktatorische Herrschaft. Park trieb, unterstützt von den USA und Japan, die Industrialisierung Koreas voran und erhöhte den Export, so dass er das Bruttosozialprodukt pro Kopf bis 1979 verzwanzigfachte. Seine autoritäre Diktatur wurde ihm zum Verhängnis und Park wurde von einem seiner eigenen Anhänger ermordet. Seine Verdienste um die Modernisierung Koreas sind allerdings nicht zu vernachlässigen und vielen Koreanern, die die Wachstumsphase Koreas miterlebt haben, bleibt er in guter Erinnerung. Die amtierende Präsidentin Südkoreas, Park Geon-hye (*1952) ist seine älteste Tochter.

Mit dem Namen Chun Doo-hwan (*1931), der nach Park Chung-hees Tod das Amt des Präsidenten übernahm, sind dagegen düstere Erinnerungen verbunden.

Im Mai 1980 schlug Chun eine große Demonstration gewaltsam nieder, die in der Stadt Gwangju auf der koreanischen Halbinsel stattfand. Dieses Ereignis wird als Gwangju-Massaker bezeichnet. Der Versuch, die durch den plötzlichen Tod Park Chung-hees verstärkte Demokratiebewegung und die Demonstrationen niederzuschlagen, endete in einem Massaker bei dem 168 Menschen starben, 4.782 Menschen verletzt und 406 Menschen vermisst gemeldet wurden. Womöglich liegen die realen Zahlen weitaus höher.

Die Stadt Gwangju liegt in der wirtschaftlich benachteiligten Provinz Jeolla, einer Region, die traditionell eine Mitte-Links Politik unterstützt. Natürlich gab es hier auch starken Widerstand gegen das Zentrum in Seoul, besonders unter der Militärregierung.

Nach dem Massaker kam die Demokratiebewegung ins Stocken, doch der durch das Massaker ausgelöste Schock wurde nicht vergessen und bildete in den 80er Jahren das Fundament für die weitere Demokratisierung Koreas. Von großer Wichtigkeit war dabei der Bewusstseinswandel innerhalb der koreanischen Bevölkerung gegenüber den USA, die den Militäreinsatz in Gwangju billigend in Kauf nahmen und danach auch weiterhin die Militärregierung unterstützten.

Für die Demokratisierung musste die Militärregierung zwar gestürzt werden, aber das allein brachte noch keine Lösung. Ohne eine Loslösung von den USA, die das politische System Koreas nach dem Krieg immer wieder bestimmt hatten, konnte es in Korea keine Unabhängigkeit geben. Das Massaker von Gwangju trug dazu bei, dass sich diese Erkenntnis in breiten Kreisen der Bevölkerung durchsetzte.

Aus dem Traum erwacht

Die oben skizzierten Verhältnisse machen deutlich, wieso gerade Gwangju, wo sich einst ein Massaker ereignete, als Ort der Weltpremiere für God Bless Baseball sinnfällig ist. Einem Stück, das Japan und Südkorea zeigt, wie sie sich aus dem Schatten der Herrschaft und dem Schutz der USA loslösen.

In God Bless Baseball gibt es nur eine Szene mit Hintergrundmusik, dem „Mickey Mouse Club March“, der traditionell den Beginn eines Baseballspiels verkündet. Eine Figur sagt in diesem Moment „Ich bin im selben Jahr geboren wie der (koreanische) Profi-Baseball, im Jahr 1982.“ Diese Melodie, die die Ankunft einer unheimlichen Figur suggeriert, erodiert allmählich die bis dahin von Wortspielen geprägte humorvolle Atmosphäre.


Gerade 1982, also zwei Jahre nach dem Massaker von Gwangju, wurde Profi-Baseball in Südkorea zum Volkssport, der die Beliebtheit von Chun Doo-hwan verstärken sollte. Chun versuchte durch die Förderung zahlreicher sportlicher Großereignisse, wie beispielsweise der Olympischen Sommerspiele 1988 in Seoul, von den dunklen Seiten seiner Diktatur abzulenken.

God Bless Baseball berichtet sehr ausführlich über die japanisch-amerikanisch-koreanische Geschichte des Baseballs, daher sei an dieser Stelle dazu nichts weiter verraten. Tatsächlich hat Baseball als Volkssport sowohl in Japan als auch in Südkorea als politisches Instrument des amerikanischen Marionettenregimes durchaus seinen Zweck erfüllt.

Nun habe ich die Nachkriegsgeschichte Koreas beleuchtet, möchte aber am Ende noch auf das Verhältnis zwischen den USA und Japan zu sprechen kommen.

Japan, das nach der Meiji-Restauration von 1868 Europa einzuholen begann und davon geträumt hatte, es einmal zu überholen, konnte durch die Siege im Ersten Japanisch-Chinesischen Krieg (1894-1895) und im Russisch-Japanischen Krieg (1904-1905) als einziger Staat Ostasiens ein Bewusstsein als Nationalstaat entwickeln. (Dass dieser Ruhm nur von kurzer Dauer sein sollte, zeigte die Geschichte sehr deutlich). Doch über die USA sollte Japan in wirtschaftlicher Hinsicht nie siegen. Auch wenn es in den 1980er Jahren durch das Wirtschaftswachstum der Nachkriegszeit bedingt eine kurze Zeit gab, in der in den Medien ausführlich von Ankäufen durch japanische Unternehmen berichtet wurde, so ist dieses Kapital längst wieder zerronnen, und heute befinden sich einige der mächtigsten Unternehmen Japans unter dem Schirm ausländischer Firmen.

In Japan gehören die fetten Jahre bereits der Vergangenheit an. Denn die Hochkonjunktur der 80er Jahre wurde durch das Plaza-Abkommen, das 1985 in New York beschlossen wurde, als politische Maßnahme erst herbeigeführt. Im Schutze der USA und auch Deutschlands, Großbritanniens und Frankreichs herangewachsen, kam Japan für einen Moment in den Genuss wirtschaftlichen Aufschwungs, doch schlummerte es die ganze Nachkriegszeit über als ein Land der Träume vor sich hin. Übrigens ist das „Land der Träume“ auch ein Pseudonym für Disneyland.

(aus dem Japanischen von Andreas Regelsberger)
Fotos: Kikuko Usuyama