The Conversations
몇 가지 방식의 대화들


Kyung Sung Lee . Creative VaQi . Seoul . Südkorea

Dokumentarisches Gesellschaftspanorama mit generationsbedingten Abgründen

Eine Reismahlzeit und ein Gespräch teilen sich die beiden Generationen, die der Regisseur Kyung Sung Lee zusammenbringt: Vier Schauspieler Mitte 30, geboren zu Zeiten des demokratischen Widerstands gegen die von einer Marionettenregierung gedeckte koreanische Militärdiktatur. Und Ae Soon, die ehemalige Kinderfrau des Regisseurs, geboren 1941, als das Land noch eine japanische Kolonie war. Ae Soon erzählt aus ihrem Leben, vom Koreakrieg und vom wirtschaftlichen Aufschwung des Landes zu einem der „Tigerstaaten“. Mit Ae Soons Geschichte verzahnen sich historische Filmaufnahmen und Gedanken der jüngeren Darsteller, die den Geschichtsdaten oft eine ganz andere Bedeutung beimessen. Immer mehr wird ersichtlich, wie abhängig der aktuelle Wohlstand der Jungen von den Mühen der Alten ist. „Jetzt kann ich mit Sicherheit sagen, dass ich glücklich bin,“ sagt Ae Soon. „Ich lebe in einer glücklichen Zeit. Oder?“

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Regie Kyung Sung Lee Dramaturgie Su Jin Jang Licht Hyek Joon Go Regieassistenz Yei Sol Hyun Technische Leitung Hong Sik Moon Stagemanagement Soo Hyun Seo Mit Ae Soon Lee . Soo Yeon Sung . Myung Sang You . Sujin Jang . Kyung Min Na Deutsche Übersetzung Jan Creutzenberg Übertitel . Tour Management Danbi Lee Video Jae-Hwan Lee

Im Rahmen von Our Common Futures gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes


LOT-Theater


12.06.17:30 Uhr

13.06.20:00 Uhr

EintrittVVK 18 Euro . AK 20 Euro
ErmäßigtVVK 9 Euro . AK 10 Euro
Einführung12.06. 17:00 . Foyer LOT-Theater
Warm-up13.06. 19:00 . LOT-Theater
Dauer1h30 . keine Pause
SpracheKoreanisch mit deutschen und englischen Übertiteln

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Soyeon Kim über Creative VaQi und The Conversations

Regisseur Kyung Sung Lee und sein Team "Creative VaQi" – das ist das jüngste Theaterensemble in Korea. Damit meine ich nicht unbedingt, dass die Mitglieder junge Menschen sind. (Das sind sie zwar auch, gerade mal um die dreißig Jahre alt.) Wenn ich sie hier als "jung" bezeichne, dann meine ich damit ebenfalls nicht, dass sie die damit verbundenen Erwartungen erfüllen und seltsames, ungewohntes und deshalb originelles Theater präsentieren. Mittlerweile werden ihre Stücke an den wichtigsten Häusern in Korea produziert. Jedes neue Werk taucht regelmäßig in den Bestenlisten der Kritiker auf und erhält Preise. Zu sagen, dass Kyung Sung Lee und Creative VaQi die Aufmerksamkeit der Theaterwelt auf sich gezogen haben, wäre untertrieben. Aber noch wichtiger ist – und deshalb sind sie für mich "junge Theatermacher" –, dass sie in ihren Aufführungen die koreanische Gesellschaft und das Theater mit messerscharfen Fragen traktieren, auf immer neue und innovative Weise.


Was ist Theater? Und wie wird es gemacht?

Die frühen Projekte, die Kyung Sung Lee und Creative VaQi noch während des Studiums durchführten, waren häufig ortsspezifisch. Sie verließen das Theater und nutzten Fußgängerüberwege, öffentliche Plätze und Straßen als Bühne.

Die Arbeiten, die folgten, wurden allesamt im Theater gezeigt. Natürlich bedeutet das nicht, dass die dort herrschenden räumlichen Gewohnheiten einfach akzeptiert werden. So kann es zum Beispiel vorkommen, dass die Zuschauer das Gebäude durch einen technischen Nebeneingang betreten und hinter der Bühne eine Ausstellung mit gesammelten Materialien und Workshop-Ergebnissen vorfinden ("Gangnam"). Man kann es eine partizipative Performance nennen, wenn die Zuschauer vor Beginn der Aufführung zunächst in der Umgebung des Theaters die Besonderheiten des spezifischen Standortes erforschen ("Namsan Documenta"). Aber nicht alle Arbeiten beschäftigen sich mit der Dekonstruktion des Theater-Raumes und seinen Funktionsweisen. Egal ob es den Raum oder das System betrifft, es ist nicht von Bedeutung, ob die Aufführung innerhalb oder außerhalb des Theaters stattfindet. Entscheidend sind die Fragen über die eigenen Verhaltensweisen, die dabei aufgeworfen werden. Was ist Theater? Wie wird es gemacht? Welche Bedeutung haben unsere Handlungen, wenn sie vor Publikum geschehen?

Das heißt nicht, dass Kyung Sung Lee und Creative VaQi dem Publikum ihre eigenen Fragestellungen aufdrängen. Sie tun alles, um die Zuschauer zum Gespräch einzuladen, auch wenn sie dabei niemals "höflich" sind, und verstehen sich selbst als Teilnehmer am Dialog. Deshalb sind ihre überraschend unterhaltsamen Aufführungen zwar unhöflich aber auch warmherzig.

Seltsam und unbequem, aber schön

The Conversations ist ein einfaches und ehrliches Theaterstück. Anders als in ihren früheren Stücken, in denen sie sich anhand von Orten oder Ereignissen mit der grundlegenden Situation in Südkorea auseinandersetzen, erzählt dieses Stück die Geschichte einer "Frau von nebenan", der Seniorin Ae Soon Lee. (Sie ist tatsächlich die Nachbarin von Regisseur Kyung Sung Lee.) Auch die Dramaturgie des Stückes ist simpel. Die Bühne ist leer bis auf eine typische Holzbank, wie man sie vor vielen koreanischen Häusern sehen kann, auf der ein Teil des Hausrates der alten Frau ausgebreitet ist. Abgesehen von einer Videoprojektion, die in der letzten Szene gezeigt wird und in der die Protagonistin selbst bei ihrer alltäglichen Hausarbeit zu sehen ist, sind die theatralen Mittel des Stückes begrenzt: Der Raum, Schauspieler und ihre Handlungen. Gerade deshalb treten die speziellen Herangehensweisen des Ensembles noch besser zu Tage als in ihren anderen Arbeiten.

Zur Vorbereitung des Stückes führten sie zunächst ein langes Interview mit Ae Soon Lee. Die einzelnen Szenen entstanden dann auf Grundlage dieses Gespräches. Das Stück ist in zwei Hälften geteilt, in denen jeweils genau dieselbe Geschichte auf völlig unterschiedliche Weise erzählt wird. Wiederholung und Differenz werden so zum ästhetischen Prinzip, das dieses Stück prägt. Im ersten Teil wird Ae Soon Lee von den Schauspielern verkörpert, die ihr Leben erzählen. Im zweiten Teil tritt die alte Frau dann selbst auf und wiederholt die nun bereits bekannte Geschichte.

Dieser Dialog entwickelt sich auf unterschiedliche Weisen. Im ersten Teil des Stückes sprechen die Schauspieler so, als wären sie selbst Ae Soon Lee. Auf diese Weise übermitteln sie ihre Geschichte, ohne dabei jedoch in die Rolle einer fiktiven Figur zu schlüpfen. Vielmehr schieben sie die zwei Perspektiven – die alte Frau, die aus ihrem Leben erzählt, sowie ihre eigenen Reaktionen beim Hören der Geschichte – wie Folien übereinander. Jedoch  sind zwischen die Szenen, in denen die Schauspieler "anstelle" von Ae Soon Lee sprechen, auch Situationen aus ihrem eigenen Alltag eingefügt. Diese spontanen Interferenzen treten in Beziehung zur Geschichte der alten Frau und wirbeln die unterschiedlichen Lebensentwürfe und Verhaltensweisen der verschiedenen Generationen durcheinander. Auf der Bühne wird heraufbeschworen, wie Ae Soon Lee ihr anstrengendes Leben mit Mut gemeistert hat. Gleichzeitig findet aber auch ein Dialog statt, in dem sich die jungen Theatermacher mit der mehr als doppelt so alten Frau über ihr Leben und ihre Erinnerungen austauschen.

 

Ae Soon Lee wurde 1941 in Korea geboren, während der japanischen Kolonialherrschaft. Im Koreakrieg (1950–53) verlor sie dann ihre gesamte Familie und blieb allein zurück. Sie hat alle Ereignisse der modernen koreanischen Geschichte – Kolonialzeit, Krieg, Diktatur und Demokratisierungsbewegung – selbst miterlebt. Obwohl sie dabei zunächst ganz auf sich allein gestellt war, gelang es ihr, eine Familie zu gründen und Kinder aufzuziehen. Einige Ereignisse haben unauslöschliche Spuren in ihrem Gedächtnis hinterlassen, andere Ereignisse tauchen nur als verwaschene Hintergrundbilder auf, manche Ereignisse hat sie vollständig vergessen. Die Schauspieler lauschen den Worten von Ae Soon Lee zwar genau, aber sie hinterfragen auch kritisch ihre Erinnerungen und bestehen auf Fakten, die die alte Frau längst aus ihrem Gedächtnis verbannt hat.

Was kann also das Schlusswort dieses Dialoges sein? Ae Soon Lee, die in der zweiten Hälfte des Stückes selbst auftritt, führt ihre Geschichte zu Ende, dann wäscht sie Reis und bereitet ihn in einem kleinen Topf zum Kochen vor. Auf der völlig leeren Bühne fängt sie an, den Boden zu kehren und zu wischen. Dabei wirkt der Körper der alten Frau noch kleiner als er ohnehin schon ist und die leere Bühne wirkt noch weiter und leerer. Auf dem Boden hockend putzt sie die Bühne gründlich bis direkt vor die ersten Sitzreihen. Dabei vergeht viel Zeit. Hier wird keine Arbeit dargestellt, sondern wirklich gearbeitet. Diese lang andauernde Szene ist für das Publikum seltsam und unbequem. Aber gleichzeitig ist es auch einer der schönsten Momente im gesamten Werk von Kyung Sung Lee und Creative VaQi. Es ist nicht nur eine Hommage der jungen Theatermacher an Ae Soon Lee, die ihr Leben mit ehrlicher Arbeit bestritten hat. Es zeigt sich auch, dass die jungen Theatermacher mit ihren hartnäckigen und leidenschaftlichen Fragen menschliche Emotionen auf die Bühne bringen können, die von Wärme und Vertrauen geprägt sind. Schönheit zeigt sich hier auf seltsame und unbequeme Weise. In dieser Hinsicht ist das Theater von Kyung Sung Lee und Creative VaQi innovativ.

Aus dem Koreanischen von Jan Creutzenberg

Alle Fotos: Szenen aus The Conversations. Foto: Creative VaQi