11.04.2018

Programm 2018

Eröffnung
Eröffnet wird das Festival am 7. Juni mit Saigon, einem Stück über bewegte Lebensgeschichten zwischen Frankreich und seiner ehemaligen Kolonie Indochina. Das Stück von Caroline Guiela Nguyen, das im Großen Haus die Bühne mit einem großen französisch-vietnamesischen Ensemble bespielt, spiegelt thematische Akzente der 16 darauffolgenden Gastspiele, die historische Verflechtungen, postkoloniale Strukturen und globale Machtverhältnisse offenlegen, zwischenmenschliche Beziehungen unter die Lupe nehmen und den erzählerischen Reichtum der unterschiedlichen Theaterformen feiern:  

Geschichte und Gegenwart
In Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs lotet Milo Rau die Grenzen des europäischen Humanismus und der bürgerlichen Moral aus. Dorothée Munyaneza, als Zwölfjährige aus Ruanda vor dem Genozid geflohen, versucht mit Samedi Détente das individuelle und kollektive Trauma künstlerisch erfahrbar zu machen. Eine einmalige Theatererfahrung erwartet das Publikum bei £¥€$ aus Belgien, in dem das Publikum im Kapitalismus-Kasino um das internationale Wirtschaftssystem zockt. In der Braunschweiger Innenstadt spielt Julian Hetzels Schuldfabrik, das in einem durchdesignten Pop-up-Store für Seife startet und seine „Kundschaft“ mitnimmt auf einen Firmenrundgang zum modernen Ablasshandel. Dieudonné Niangouna erzählt vom fiktiven Herrscher Antoine, der die politische Stabilität seines Landes opfert, um die Treue seiner Untertanen zu prüfen. Der Virtual-Reality-Film Collisions wiederum berichtet von Nyarri Morgan, der als junger Mann Zeuge eines britischen Atomtests in der australischen Wüste wurde, und Race Cards der Britin Selina Thompson ist eine begehbare Installation über Rassismus, in die sich Besucher_innen selbst einschreiben können.  

Solos
Because I Always Feel Like Running ist eines der beiden Solos von Ogutu Muraya, in dem sich der gebürtige Kenianer anhand der Geschichte ostafrikanischer Ausnahme-Athleten den politischen Dimensionen des laufenden Körpers annähert. Mit Fractured Memories dagegen setzt Muraya sich anhand von Texten James Baldwins mit seiner eigenen Situation als in Europa lebender kenianischer Künstler auseinander. In Solo für Maria nimmt sich die mosambikanische Tänzerin Maria Domingos Tembe, choreografiert von Panaibra Gabriel Canda, den Konflikt zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und weiblicher Selbstbehauptung vor. Im lebhaften Plauderton führt Kevin Matthew Wong schlussendlich in seiner Lecture-Performance The Chemical Valley Project das Publikum in die Untiefen der kanadischen Umweltpolitik ein. 

Koproduktionen und neue Entdeckungen
Fünf Theaterstücke entstehen in diesem Jahr in Koproduktion mit namhaften Partnern: Das Familiendrama Jungfrau, das auf der gleichnamigen preisgekrönten Kurzgeschichte von Mary Watson beruht, wird in Braunschweig uraufgeführt. Jade Bowers’ Adaption der Erzählung entsteht in Koproduktion mit dem National Arts Festival Grahamstown in Südafrika. Aus dem Nachbarland Mosambik kommt das Tanzstück Theka, das am letzten Festivalsamstag im Großen Haus gezeigt wird und in Koproduktion mit dem Kinani-Festival Maputo entstand: Die mosambikanischen Choreografen Horácio Macuácua und Idio Chichava bringen mit ihrem 14-köpfigen musikalischen und tänzerischen Ensemble ein eigensinniges und vergnügtes Tanzstück auf die Bühne. Mit beiden afrikanischen Festivals koproduziert das Festival Theaterformen darüber hinaus jeweils ein kurzes Stück von Tito Aderemi-Ibitola, Kamogelo Molobye und Janeth Mulapha. Die drei Arbeiten werden im Format 3x30 im Haus Drei uraufgeführt.  

Zwischenmenschliche Beziehungen
Obwohl Takuya Murakawa Theater als Forschungsanstalt begreift und radikale konzeptionelle Ansätze verfolgt, ist Independent Living inhaltlich alles andere als eine kalkulierte Inszenierung, denn es besetzt die Hauptrolle allabendlich neu. Dieses japanische Stück über Pflege und Sorgearbeit, über größte Nähe und Entfremdung wird im LOT-Theater als deutsche Erstaufführung gezeigt. Um eine ganz anders geartete Beziehung geht es in Sopro des portugiesischen Regisseurs Tiago Rodrigues, der ein Stück mit und über die Souffleuse des Lissaboner Nationaltheaters gemacht hat. Sie, die seit 30 Jahren ihrem Theater treu ist, hält zunächst nicht viel vom innovativen Regiekonzept ihres Chefs, und lässt sich am Ende in gewisser Weise doch darauf ein – eine Hommage an die vielen unsichtbaren Menschen, die das Theater erst möglich machen.  

Programm +
Neben den Theaterproduktionen bietet das Festival mit zahlreichen Partnern wie dem Kunstverein Braunschweig, der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und der Universität Hildesheim mit dem Programm+ ein umfangreiches Rahmenprogramm. Zu diesem zählen Workshops, Podiumsdiskussionen und Fachtreffen. Als bewährte Formate bietet das Festival seinem Publikum Stückeinführungen, Warm-ups und Cool-downs sowie die Konzertabende mit angesagten Bands – darunter Ace Tee, Schrottgrenze, Fehlfarben, Sophia Kennedy und Jennifer Gegenläufer – im Festivalzentrum im Theaterpark. Im Vorfeld des Festivals zeigt das Universum Filmtheater ab 18. April Filme mit programmatischen Schnittmengen zum Theaterformen-Programm.