07.07.2020

Presseschau zum ersten Festivalwochenende

[Im Kleinen Haus] stehen Notenständer in Reih und Glied wie ein Corps de Ballet, als wollten sie, Lautsprecher vorweg, ins Gefecht ziehen. […] Die kleinen Schräubchen unter dem lyraförmigen Zierrat können leuchten wie Gesichter. […] Bewegen tun sich nur die Zuschauer, die still […] rumwandeln dürfen, es gibt hier keine Animation à la Tinguely. Und doch regt die Installation wie oft verlassene Kulissen zum Phantasieren an über die Geschichten, die sich hier zugetragen haben mögen.
[…]
Videoklangkünstler Voldemars Johansons aus Lettland [setzt] ganz auf die direkte sinnliche Überwältigung durch das gefilmte Naturschauspiel: Sturm auf Färöer. Dramatischer geht nicht, trotz fehlender Handlung, denn wie sich hier die Wellen türmen, überschwappen, unterlaufen, bedrängen, aus tiefstem Dunkel aufstauen und in weißer Gischt zersetzen, das ist atemberaubend. Und bleibt auch 50 Minuten lang spannend. […] Auf Dauer führt die Bewegung raus aufs Meer, ins Unendliche – und zugleich tief Bergende und tödlich Endliche des Lebens. Das ist Katharsis, Reinigung durch Furcht und Miterleiden.
Braunschweiger Zeitung, 3.7.2020


[Der] erste Digital-Beitrag. [Man hört] eine Stimme. Eine sehr schöne, sanfte, warme Stimme. Sie gehört dem kenianischen Geschichtenerzähler Ogutu Muraya. Passend zum Thema der Theaterformen „Ein Meer von Inseln“ hat er seinen Stücktext The Ocean will always try to pull you in (Der Ozean wird immer versuchen, dich hineinzuziehen) in ein Video gewandelt. Die Erzählung entstand nach einer Reise zu einer winzigen Komoreninsel. […] Murayas Stimme übt einen zugleich unheimlichen wie auch zauberischen Sog aus. Die Erzählung ist fast kindlich karg illustriert, lässt der Fantasie weiten Raum.
Braunschweiger Zeitung, 4.7.2020


Auf der ganzen Fläche von Bühnen- und Zuschauerraum hat Freitas schwarz lackierte Drahtpulte verteilt. Sie formieren sich stramm aufgerichtet und erhobenen Kopfes zu einer dunklen Armee, oder biegen sich anmutig wie im Wasserballett. Manchmal liegen einzelne Pulte unter kleinen Decken – wie Puppen im Kinderwagen oder Kranke im Lazarett. Die Choreografin hat dem toten Material immer wieder neue, erstaunlich ausdrucksvolle Gesten verliehen, durch die man die Notenständer als menschliche Figuren oder Insekten begreifen kann. Die einzelnen Stationen fügen sich dabei auch dank einer interessanten Licht- und Klangdramatur- gie zu einem weitläufigen Park der Geschichten, der ganz ohne Menschen die Sinne öffnet und Fantasie und Intellekt anregen kann wie ein gutes Theaterstück. […] Bei den Theaterformen ist es nun genau das richtige Stück zur richtigen Zeit.
[…]
Voldemars Johansons […] hat im Großen Haus des Staatstheaters eine riesige Bildschirmwand aufgebaut, auf der ein Sturm auf offener See tost. Vor düsterem Horizont zeigt Johansons die raue Macht des Meeres, und das laute Rauschen des Windes trägt dazu bei, dass man sich am Ende trotz des trockenen und sicheren Sitzplatzes wie betäubt fühlen kann. Der Kontrast zwischen der riesigen Blackbox des Raumes und dem wilden Wüten der Wellen ist dabei eine Reibungsfläche, an der sich dieses abstrakte Theater entzünden kann. Es ist kaum möglich, den Saal unberührt zu verlassen.
Das hannoversche Künstlerpaar Lotte Lindner und Till Steinbrenner dagegen setzt seine Arbeit dem Risiko der Nichtbeachtung aus […]: 30 lange, schmale Fahnen, auf denen Wörter stehen wie „scheitert mutig“, „bewundert Blumen“ oder „fallt in Trance“. Die Fahnen werden nicht auf der Bühne geschwenkt, sondern sind außen am Theater und weiteren prominenten und weniger prominenten Gebäuden in der Stadt befestigt. […] Lassen [die Zuschauer*innen] sich berühren von den Aufforderungen, die das eigene Befinden spiegeln könnten, aber auf den schwankenden Bannern manchmal kaum noch zu lesen sind? Ihr ist auch ein Bild für den Mut des Theaters, oft groß zu denken – und das Risiko des Scheiterns in Kauf zu nehmen.
Versöhnlich und persönlich wirken dagegen weitere übersetzte Formate: Einige Theatermacher verschicken Briefe zu ihren Projekten mit handschriftlichen Anschreiben, Gedichten oder Bildern. […] Natürlich gibt es auch einige Onlineformate, wie eine Gesprächsreihe der Festivalmacherin mit einzelnen Künstlern. […] Auch das ist ein Bild für diese starke Not- ausgabe der Theaterformen, die den Besucher reich beschenkt.
Hannoversche Allgemeine Zeitung, 4.7.2020


Mit brachialer Gewalt ballt sich ein Sturm zusammen, knallen Wellen gegeneinander, brechen, es knackt und rattert und rauscht und der Himmel wird immer dunkler: Eine Naturgewalt, gegen die sich ein Mensch nicht durchsetzen kann […]. Voldemārs Johansons Arbeit Thirst kommt einem fast vor wie eine Allegorie auf dieses verflixte Jahr 2020. […] Die Gewalt des Sturmes und der rauen See sind durchaus hypnotisch, es ist schwer, sich von dieser Installation loszureißen.
[…]
Eine der interessantesten Arbeiten ist A Thousand Ways der Gruppe 600 Highwaymen aus den USA. Hier begegnen sich zwei Fremde – zwei Menschen, die zufällig zur selben Zeit die Aufführung gebucht haben – und lernen sich gute anderthalb Stunden lang kennen, allein an einem Tisch getrennt durch Plexiglas, anhand von Konversationskarten, die in zehn Akte unterteilt sind. […] Nach […] unzähligen Karten und Aufgaben stellt sich tatsächlich so etwas wie Intimität ein und ein, wenn auch verzerrtes, Bild des oder der anderen.
[…]
Damit ist das Festival Theaterformen stark gestartet – so gut es zur Zeit eben geht. Aber vor allem nicht in die Falle getappt, einfach Theateraufführungen abzufilmen. […] Stattdessen gibt es eigene Formen, die es oft schaffen, Kommunikation oder Intimität herzustellen, oder die es auf jeden Fall versuchen.
[…]
Denn schließlich ist es nicht einfach, aus der aus Not gebotenen Vereinzelung eine Tugend zu machen. Aber gerade das ist den Theaterformen gelungen: Schließlich wäre das Gespräch mit Yodit Akbalat und Abir Omer in einer großen Kaffeerunde nur halb so intim, wäre das Gedicht von Negar Rezvani vielleicht nie im heimischen Bücherregal gelandet, hätte man vielleicht nie gewusst, aus welchem kleinen Örtchen diese eine, eben noch fremde Theaterbesucherin kommt und woher die Narbe an ihrer Unterlippe stammt. Ja, jeder Mensch ist eine Insel, zur Zeit vielleicht mehr als jemals zuvor. Aber auch wenn er stürmisch sein mag: Wir teilen uns alle einen Ozean.
nachtkritik.de, 5.7.2020


Auf der großen Bühne des Staatstheaters Braunschweig lässt sich eine Handvoll Meeresbetrachter bedrohen von dem archaischen Spektakel. Geradezu immersiv ist die eigene körperliche Winzigkeit gegenüber der breitwandformatig projizierten Sturmgewalt. Aufgenommen hat sie der lettische Künstler Voldemārs Johansons im Nordatlantik von den Färöer-Inseln aus. Klimawandel­ängste können beim Betrachten bis in die Apokalypse hineingedacht werden.
[...]
Der Kenianer Ogutu Muraya fabuliert [online] fantasievoll und staunend auf Basis seines Stücktextes „The ocean is always trying to pull you in“ über die Geschichte der Komoren-Insel Ndzuwani, nördlich von Madagaskar, und platziert auf der Bildebene einige Zeichnungen.
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Nach Braunschweig reisen muss, wer die Arbeit der Kapverdin Marlene Monteiro Freitas sehen will. [Sie bastelt] Notenständer-Formationen in allerschönster Verbogenheit ins Kleine Haus und verfeinert den Anblick mit Theatereffekten: Blitze zucken, Nebel wallt, Suchscheinwerfer kreiseln. [...] Wie eine archäologische Ausgrabungsstätte mutet diese Rauminstallation „Cattivo“ an, erinnert mit den eingefrorenen Momenten geradezu utopisch an vorcoronale Normalität.
taz, 8.7.2020


[Bei A Thousand Ways werden die beiden Akteure] mithilfe vieler Zettel voller Fragen und Handlungsaufforderungen geleitet.
Sie sind sehr persönlich, aber nicht intim. Manche banal, andere überraschend. Ob die andere Person sich schon mal geprügelt hat? Auf der anderen Seite des Äquators war? Erfüllung in seinem Beruf findet? Schon mal jemandem das Leben gerettet, jemanden absichtlich verletzt hat? Noten lesen kann?
[...]
Der dialogische Austausch wird unterbrochen von stummen Impulsen. [...] Auf den Karten gib es auch Meta-Texte. Absagen an therapeutische Erwartungen: Es ist nur ein Experiment. Es erklärt nichts. Es will nichts lösen.
[...]
Es war nicht unbedingt eine aufregende, aber eine sehr angenehme Erfahrung. Schließe jetzt die Augen und höre mir zu: Du spürst eine Nähe, ohne dass sie real würde. Es ist nur ein momenthaftes Annähern in der Fremdheit. Du konzentrierst dich auf dein Leben und zugleich auf ein anderes. Kann man ein anderer werden? Niemals. Kann man wissen, was der andere gerade über einen denkt? Wie er dich sieht? Niemals. Aber was es heißt, sich auf einen anderen einzulassen, hier wird’s Ereignis.
[...]
In diesem Spiel wird dir jeder sympathisch sein, der dir gegenübersitzt. Jeder.
Braunschweiger Zeitung, 9.7.2020

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