Leitlinie

Das Festival Theaterformen zeigt jedes Jahr 15-20 Theaterstücke. Die gezeigten Stücke sind der Kern unserer Arbeit. In den Stücken werden oft soziale Fragen verhandelt. Das Festival soll dafür einen guten Rahmen bieten. Dafür sorgen wir als Veranstalter*innen. Es ist uns wichtig, dabei diskriminierungskritisch zu handeln. Der folgende Text beschreibt, was wir tun, um das zu erreichen.

DISKRIMINIERUNGSKRITISCHE LEITLINIE

Stand April 2019

Unser Handeln als Festival und als Einzelpersonen soll sich an unserem künstlerischen Anspruch orientieren und sich im besten Fall mit diesem ergänzen und gegenseitig verstärken.

Unser Anspruch richtet sich dabei nach innen und außen: an uns selbst, unser Festival, die Künstler*innen, das Publikum. Wir wollen der Kunst, die wir zeigen, einen angemessenen Rahmen geben. Das bedeutet für uns unter anderem, uns macht- und diskriminierungskritisch auseinanderzusetzen und zu positionieren. Diskriminierung, wie Rassismus, Sexismus, Klassismus und Ableismus, findet auf individueller, struktureller und institutioneller Ebene statt – auf all diesen Ebenen wollen wir ihr mit unserem Handeln begegnen.

Das Festival Theaterformen soll ein solidarischer Raum sein, ein Raum, in dem sich Menschen auseinandersetzen und zusammenkommen können, ohne gleich oder konform sein zu müssen.

Wir wollen ansprechbar sein für Feedback, Beobachtungen, Hinweise und Kritik, und handlungsfähig sein, um verschiedenen Formen von Diskriminierung zu begegnen.

Wir sind bereit, uns und unsere Arbeitsstrukturen zu überdenken, zu kritisieren sowie unsere eigenen vielfältigen Verstrickungen in diskriminierende Verhältnisse anzuerkennen. Wir befinden uns in einem Prozess, in dem wir unser Handeln immer wieder neu abwägen und nach besseren Umgangsweisen suchen. Dabei holen wir uns Unterstützung, Feedback und kritische Stimmen von außen und nehmen diese Rückmeldungen ernst. Wir veröffentlichen unsere Überlegungen hier, um in unserem Vorhaben transparent, kritisierbar und überprüfbar zu sein.

Das derzeitige Team des Festivals Theaterformen wird bis Juli 2020 bestehen, dann erfolgt ein Wechsel in der künstlerischen Leitung. Auf diesen Zeitraum erstreckt sich auch unser Prozess der diskriminierungskritischen Öffnung und unser Handlungsrahmen. Daher tauchen bestimmte Fragen – wie z.B. Quoten – hier nicht auf, obwohl wir sie grundsätzlich befürworten. Die einzelnen Teammitglieder haben das Ziel, das hier erworbene Wissen in spätere Arbeitszusammenhänge zu übertragen und dort wirksam werden zu lassen.

In Programmplanung und -auswahl, Einstellungspolitik und Öffentlichkeitsarbeit – in allen Bereichen unserer Arbeit, die wir aktiv gestalten können – ist es unsere Absicht, Diskriminierung entgegenzuwirken. Wir möchten das Festival Theaterformen so gestalten, dass ein verbündetes und konstruktives Miteinander möglich wird. Im Falle von Diskriminierung sind wir parteilich mit Betroffenen und richten daran unser Handeln aus.

Es ist uns wichtig, all unsere Handlungsspielräume zu nutzen. Weil diese durch persönliche, institutionelle, finanzielle und zeitliche Faktoren begrenzt sind, können wir nicht in allen Punkten unseren Ansprüchen gerecht werden. Deshalb überprüfen wir unsere Handlungsmöglichkeiten regelmäßig kritisch. Dazu gehört die kritische Reflexion unserer Privilegien, um diese für unser diskriminierungskritisches Vorgehen zu nutzen.

Externe Beratung

Als Festival-Team durchlaufen wir einen diskriminierungskritischen Fortbildungsprozess. Dazu finden seit April 2018 regelmäßige teaminterne Workshops mit dem IDB | Institut für diskriminierungskritische Bildung (Berlin) statt. Die Kooperation mit dem IDB erstreckt sich auf die Reflexion der Arbeitsprozesse innerhalb der Institution inklusive einer Analyse der Öffentlichkeitsarbeit, des Umgangs mit Diskriminierungen in der Festivalarbeit und einer Formulierung möglicher Strategien für die Zukunft. Die hier vorliegende diskriminierungskritische Leitlinie wird zwischen dem Festivalteam und dem IDB evaluiert und gegebenenfalls umformuliert. Dies geschieht nach dem Festival 2019 sowie nach dem Festival 2020.

Fortbildungen

Diskriminierungskritische Fortbildungsmaßnahmen können jederzeit von allen Mitgliedern des Festivalteams vorgeschlagen werden. Die Teilnahme einzelner Mitglieder an externen Fortbildungen wird ermöglicht und nach Absprache finanziell unterstützt. Für das gesamte Team werden gemeinsame Fortbildungen organisiert. Bisher haben Teammitglieder an Workshops zu Critical Whiteness, Empowerment, Klassismus, gendergerechter Sprache, diskriminierungskritischer internationaler Kulturarbeit und Übertitelung für Gehörlose teilgenommen.

Arbeitsumfeld und Einstellungspolitik

Wir legen Wert auf ein diskriminierungssensibles Arbeitsumfeld, in dem ein solidarisches Miteinander unter Kolleg*innen und Künstler*innen gelebt wird. Wir ermutigen Personen mit Diskriminierungserfahrung, sich bei uns zu bewerben, und streben an, ein diskriminierungskritisches Arbeitsumfeld zu bieten.

Ein diskriminierungssensibler Umgang untereinander ist für das Team des Festivals Theaterformen verbindlich. Konflikte sollen kollegial gelöst werden und können, soweit das von der betroffenen Person gewünscht ist in der monatlichen Awareness-Sitzung unter Beteiligung aller Personen im Team bearbeitet und im besten Fall ausgeräumt werden. Liegen Konflikte vor, die Unterstützung von außen erfordern, beispielsweise in Form einer Mediation, ist die Festivalleitung dafür verantwortlich, diese zu beschaffen.

Feedback

Um Feedback und Kritik in den ständigen Prozess aufzunehmen und die Weiterentwicklung unserer Organisation zu gewährleisten, werden Möglichkeiten für Feedback geschaffen. Jede Eingabe wird in den Prozess aufgenommen und beantwortet. Alle Teammitglieder sollen davon Kenntnis erhalten und sich im Rahmen der Awareness-Sitzung dazu äußern können. Hier werden die notwendigen fallspezifischen Schritte beraten. Der Künstlerischen Leiterin des Festivals Theaterformen obliegt es, die anschließende Vorgehensweise festzulegen.

Ansprechperson ist die Künstlerische Leiterin des Festivals, Martine Dennewald (dennewald@theaterformen.de). Im Konfliktfall steht das IDB | Institut für diskriminierungsfreie Bildung zur Verfügung: institut@diskriminierungsfreie-bildung.de, Ansprechpartnerinnen: Josephine Apraku und Dr. Jule Bönkost.

Zusammenarbeit mit anderen Organisationen

Im Fall der Zusammenarbeit mit einer anderen Organisation prüft das Festival Theaterformen, ob in dem für das jeweilige Projekt relevanten Arbeitszusammenhang Organisationen von People of Colour oder Menschen mit Behinderung tätig sind, und arbeitet bevorzugt mit diesen zusammen. Kollaborationen werden im Hinblick auf beidseitigen Mehrwert geplant und daraufhin evaluiert.  

Die Bemühungen des Festivals Theaterformen um ein diskriminierungskritisches Arbeitsumfeld sind nicht denkbar ohne die Arbeit vieler Organisationen, die ausschließlich oder vornehmlich in diesem Bereich tätig sind. Das Festival möchte nach Maßgabe seiner Möglichkeiten für diese Organisationen als Bündnispartner*n agieren.

Awareness

Das Festival Theaterformen stellt ein Awareness-Team auf, das während der Festivalzeiträume im Rahmen der Veranstaltungen sichtbar und ansprechbar ist. Das Awareness-Team ist die erste Anlaufstelle für Personen, die von Diskriminierung betroffen sind oder Zeug*in von diskriminierendem Verhalten werden. Das Awareness-Team bietet Betroffenen im akuten Fall während des Festivals Theaterformen Unterstützung an. Das Awareness-Team steht in unmittelbarem Kontakt mit der Festivalleitung. Allen Künstler*innen und Beteiligten steht das Awareness-Team zur Verfügung.

Für Theaterprojekte, die im Auftrag des Festivals vor Ort entstehen, besteht zusätzlich das Angebot einer kritischen Begleitung der einzelnen Produktionsprozesse. Über den Zeitraum der Proben, der Aufführungen und der Nachbereitung gibt es für die internationalen Regisseur*innen wie für die lokalen Mitwirkenden eine*n externe*n Ansprechpartner*in in Diskriminierungsfragen. Der Kontakt zu dieser Person kann bei der Künstlerischen Leitung erfragt werden.

Vorgehen bei konkreten Fällen von Diskriminierung

In Fällen von Diskriminierung sind wir grundsätzlich parteilich mit Betroffenen. Die Perspektive, Wünsche und situativen Bedürfnisse von Betroffenen leiten unser Handeln. Im Konfliktfall ziehen wir Dritte hinzu, die parteilich für die Betroffenen agieren können. Wir sorgen für Schutz und Rückzugsmöglichkeiten. Wir wollen solidarisch untereinander und mit Betroffenen agieren und uns rückversichern, ob unser Handeln im Sinne der Person ist, die Diskriminierung erfahren hat. Wir sorgen für die erforderliche Eigensicherung. Strafbare Handlungen werden zur Anzeige gebracht.