A THOUSAND WAYS


600 HIGHWAYMEN . New York City . USA

Interaktive Installation für ein Gesprächspaar

Sie betreten einen Raum, Sie setzen sich an einen Tisch. Ihnen gegenüber sitzt, getrennt durch eine Glasscheibe, eine fremde Person. Wer ist sie, und was spielt sich in ihrem Inneren ab? Sie widmen sich einem intimen Gespräch. Wer werden wir sein, wenn wir am Ende auseinandergehen?

Das preisgekrönte Regieduo 600 HIGHWAYMEN besteht aus Abigail Browde und Michael Silverstone. Seit zehn Jahren setzen sie konsequent bei den Grundelementen des Theaters an – Raum, Zeit, Zuschauende, Spielende – und erschaffen Performances, die als Choreografie gelesen werden können oder als Versuchsanordnung, als immer wieder neu erzählte Geschichte oder als einmalige Begegnung. 600 HIGHWAYMEN waren bereits mit vier Stücken beim Festival Theaterformen zu Gast. Nun zeigen sie als Weltpremiere eine Installation, die gleichermaßen Gespräch und soziales Experiment ist: A Thousand Ways basiert auf der Annahme, dass etwas so Einfaches wie Zuhören radikale Folgen haben könnte.

Achtung: Die Installation ist so konzipiert, dass sich jeweils zwei Fremde begegnen. Bitte beachten Sie dies beim Kartenkauf und kaufen Sie pro Slot maximal ein Ticket.

Online-Gespräch The One Thing That Helped
Mit 600 HIGHWAYMEN und Martine Dennewald
SO 05.07. 20.30 Uhr

Um an den Live-Gesprächen teilzunehmen, ist eine Anmeldung erforderlich. Schicken Sie uns dazu bitte eine Mail an talks@theaterformen.de Mit unserer Antwort erhalten Sie Zugangs-Links zu den Gesprächen, die auf der Plattform Zoom stattfinden. Eine Anleitung für Zoom finden Sie auf unserer Homepage unter diesem Link: Zoom Tutorial

600 HIGHWAYMEN

Konzept . Regie Abigail Browde . Michael Silverstone Übersetzung Anna Johannsen Produktionsleitung Lena Lappat Management Thomas O. Kriegsmann Ursprünglich konzipiert für Temple Contemporary at Temple University Unterstützt von The Pew Center for Arts & Heritage, Philadelphia


LOT-Theater


02.07. 17:00 Uhr / 19:00 Uhr / 21:00 Uhr

03.07. - 05.07. 14:00 Uhr / 16:00 Uhr / 18:00 Uhr / 20:00 Uhr

07.07. - 09.07. 17:00 Uhr / 19:00 Uhr / 21:00 Uhr

10.07. - 12.07. 14:00 Uhr / 16:00 Uhr / 18:00 Uhr / 20:00 Uhr

Eintritt 14 Euro
Ermäßigt 7 Euro
Dauer ca. 1h30
Sprache Deutsch

Karten online kaufen

Hygieneregeln

Während des Besuchs der Installation A THousand Ways herrscht Mund- und Nasenschutzpflicht. Hinweisschilder erläutern die geltenden Abstands- und Hygieneregeln. Innerhalb von einer Stunde sind maximal 2 Besucher*innen auf einer Fläche von ca. 100 m2 zugelassen. Die Kontaktdaten der Besucher*innen eines Zeitslots werden zur Rückverfolgung von Infektionsketten erfasst. Es befindet sich eine Plexiglasscheibe zwischen den sich gegenübersitzenden Besucher*innen. Die Raum wird regelmäßig gelüftet und Flächen desinfiziert.

A DUET FOR STRANGERS

von 600 HIGHWAYMEN
Abigail Browde und Michael Silverstone zu ihrer neuen Arbeit A Thousand Ways

 

Ich bin das Publikum. Sie sind die*der Schauspieler*in. Ich bin hergekommen, um Sie zu sehen. Ein Stück näherzukommen.  

Ich bin die*der Schauspieler*in. Sie sind das Publikum. Sie sind hier, um mich zu sehen. Um zu hören, was ich zu sagen habe.  

Ich weiß, das ist nichts Besonderes.  

Sie lächeln und wollen wissen, was dahintersteckt. Ich versuche, mir etwas vorzustellen. Währenddessen üben Sie sich in Geduld.  

Ich bin eine Seite, Sie eine andere. Bin ich fremd? Sind Sie vertraut?  

Was haben Sie mitgebracht?
Was halten Sie in der Hand? Was steckt in Ihrer Tasche?
Welches Lied geht Ihnen durch den Kopf?
Und welchen Heimweg werden Sie einschlagen?  

Jetzt ist es wieder still und etwas hat sich verändert. Etwas ist anders zwischen uns. Ich habe ein kleines Zittern in der Stimme. Hören Sie das?  

Das hier ist eine Karte. Haben wir beide Platz darauf? Ich bin hier drüben, jenseits der Grenze.  

Das sind meine Kleider. Meine Uhr. So trage ich die Haare. Diese Narbe auf meinem Arm, ich zeige sie Ihnen.  

Hier komme ich her. Die Straße, die Stadt, die Zeit; meine Geschichte. Ich erzähle Ihnen, wie das ist. Sie können mich sehen. Sie hören zu.  

Das sind meine Finger, flüstere ich. Wie sehen die von da drüben aus? So verschränke ich sie. Sie machen das auch.  

Wie lange sind wir schon hier?
Viertelstunde vielleicht.  

Sie sind auf einer Seite, ich auf der anderen. Zwischen uns ist eine Linie.  

Ich bin nicht so stark wie Sie.  

Das macht nichts.  

Sie sagen mir Ihren Lieblingsort. Ich stelle Sie mir dort vor. Sie öffnen Ihren Mund zum Sprechen. Was werden Sie sagen?  

Das ist mein Körper, wie er gegen den Wind geht. Sehen Sie? Das bin ich oben auf einem Berg. Können Sie sich das vorstellen.  

Stellen Sie sich vor, wie ich Auto fahre.
Ein Baby auf dem Arm halte.
Stellen Sie sich mich wütend vor.
Stellen Sie sich mich schlafend vor.  

In dieser einen Stunde gibt es nur uns. Was werden Sie geben? Ich werde es behalten, versprochen.  

Hatten Sie schon mal eine Schusswaffe in der Hand?
Haben Sie schon mal draußen geschlafen?
Wie viel Geld haben Sie im Portemonnaie?

Das sind Fragen.  

Wir können hier nichts falsch machen. Wir sind die Expert*innen.  

Ist das ein Kreislauf oder eine Linie? Jede Drehung, jede Biegung wird zu etwas anderem.  

Ich zeige es Ihnen und Sie zeigen es mir. Und vielleicht, ganz vielleicht entsteht etwas dabei.  

Und jetzt – das kann ich nicht behalten. Was Sie gesagt haben, kann ich nicht behalten. Etwas ist weggerutscht – was ich gedacht habe, wie ich mir etwas vorgestellt habe. Wo ist es hin?  

Man kann das auf tausenderlei Arten machen
Von hier führt ein Tunnel
Können Sie graben
Sollen wir etwas tiefer graben
Sie sind der Schauspieler
Können Sie hier drunter kommen
Ich bin der Schauspieler
Irgendwo müssen wir anfangen
Wieso
nicht
hier
nur
Sie
und
Ich.

 

Abigail Browde und Michael Silverstone sind zusammen 600 HIGHWAYMEN. Foto: Alec Smith



„A Thousand Ways", die brandneue Arbeit von 600 HIGHWAYMEN, ist soziales Experiment und Performance zugleich und wird am 2. Juli im Braunschweiger LOT Theater uraufgeführt. Abigail Browde und Michael Silverstone gründeten ihre Compagnie 600 HIGHWAYMEN im Jahr 2009. Seither feiert das Regieduo, das in Brooklyn lebt und arbeitet, in den USA und Europa große Erfolge. Unter anderem erhielten sie 2014 den begehrten Obie Award, den renommiertesten Theaterpreis der USA für Off-Broadway Inszenierungen. „A Thousand Ways to Listen“ ist die fünfte Arbeit, die das Festival Theaterformen von ihnen zeigt – nach „The Record”, „Employee of the Year”, „The Fever”, und „The Collectors”.  

TAUSENDFACHE VERÄNDERUNG

Ein Essay von Simon Dove

„Historisch haben Pandemien die Menschen immer dazu gezwungen, mit der Vergangenheit zu brechen und sich die Welt neu vorzustellen. Die Corona-Pandemie macht da keinen Unterschied. Sie öffnet ein Portal, ein Tor zwischen dieser Welt und der nächsten.“
Arundhati Roy, Financial Times, 02.04.2020

A Thousand Ways, die neue Arbeit von den 600 HIGHWAYMEN, Abigail Browde und Michael Silverstone, hat in einer ganz anderen Zeit, einer ganz anderen Welt ihren Anfang genommen. Vor gut drei Jahren, als noch niemand von uns Epidemiolog*innen sonderlich viel Gehör schenkte, lud ich die beiden an die Kunstakademie Temple Contemporary in Philadelphia ein, um innerhalb eines Projekts, das ich dort kuratierte, einen Prozess kreativen Denkens anzustoßen. Sie sollten eine Gruppe sehr unterschiedlicher Künstler*innen dazu ermutigen, Mitbürger*innen, die sie vorher nie gesehen hatten, mit besonderer Empathie zuzuhören.

Das Projekt war eine Reaktion auf den spezifischen Kontext in Philadelphia, einer der ältesten Städte der USA, in der es seit langer Zeit gigantische soziale, ethnische und wirtschaftliche Diskrepanzen gibt. Die aktuelle politische Situation hat diese Bruchstellen in der Gesellschaft noch verstärkt und die Bürger*innen im gesamten Land polarisiert. Zusätzlich schotten uns die Algorithmen der sozialen Medien zunehmend von allen Ansichten ab, die wir nicht „liken“, und wir haben somit immer weniger Möglichkeiten, miteinander ins Gespräch zu kommen, gerade mit Menschen außerhalb unserer üblichen Kreise. Die Isolation, zu der die Covid-19-Pandemie geführt hat, macht es nicht leichter.

Es erscheint geradezu ironisch, dass wir in der Geschichte der Menschheit noch nie effizientere Systeme und Technologien hatten, um uns mit den unterschiedlichsten Menschen und Informationsquellen zu vernetzen. Und doch, so kommt es uns vor, fehlt uns die Geduld, vielleicht auch das Interesse, uns auf andere oder entgegengesetzte Standpunkte einzulassen. Wissen wir überhaupt noch, dass es sie gibt? Haben wir in der Echokammer der (anti-)sozialen Medien wirklich aufgehört, auf andere zu hören?
A Thousand Ways von Abigail Browde und Michael Silverstone ist eine stille und doch radikale Antwort auf die Herausforderungen dieser neuen Welt, die wir durch das Tor der Pandemie betreten. Der Widerspruch zwischen dem Wunsch, wieder mit Menschen in Kontakt zu kommen, und dem Protokoll des social distancing gibt dem Werk einen starken Impuls und rahmt es in ästhetischer Hinsicht. Abigail Browde und Michael Silverstone haben bereits in vielen ihrer Werke den Stimmen einzelner Personen konsequent und virtuos eine Bühne geboten. Sie geben ihnen eine theatrale Rahmung, die sie stützt, und gleichzeitig ihre Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit als Menschen unterstreicht, denen das Publikum fasziniert zuschaut. The Record (2013) präsentierte „45 Fremde in 61 Minuten“, eine fesselnde Studie der Vielfalt unter und der Verbindungen zwischen uns, ein Ensemblestück für einzigartige Individuen. Etwa später ließen sie in The Fever (2017) mit jeder Aufführung eine neue theatrale Gemeinschaft entstehen, indem sie das jeweilige Publikum freundlich-nachdrücklich dazu bewogen, sich in ein Ensemble von Performer*innen zu verwandeln. Hier liegt ihre besondere Stärke als Theatermacher*innen: Sie sorgen mit Kompetenz und Achtsamkeit dafür, dass alle, die in ihren Projekten mitwirken – von den Profis bis zu den lokalen Mitwirkenden ohne Theatererfahrung – sich aufgehoben, unterstützt und gehört fühlen.

A THOUSAND WAYS
A Thousand Ways ist eine großzügige Einladung, sich durch das Teilen von Gesten, Gedanken, Handlungen und Perspektiven auf eine fremde Person einzulassen. Das alles passiert in einem Theater, einem Ort, der Aufführungen und ihrem Publikum gewidmet ist, mitten in der Stadt. Man muss einen Weg zurücklegen, um dorthin zu gelangen, und in der alten Welt hätte man gemeinsam mit (hoffentlich) vielen anderen einen Präsentationsraum betreten und als Gruppe, als Gemeinschaft, eine Erfahrung geteilt. Nun teilen Sie den Raum mit nur einer Person, die Sie noch nie getroffen haben. Das Werk ist eine Anleitung zur Begegnung, in der ein Stapel Karten mit Anweisungen und Stichworten das Treffen strukturiert und begleitet. Sie sind gleichermaßen Subjekt und Betrachter*in der Performance, Performer*in und Publikum in einem, und Sie haben Einfluss auf das, was sich zwischen Ihnen abspielt. A Thousand Ways ist die perfekte Gelegenheit, aus der Isolation der Quarantäne auszubrechen, sich auf eine neue, fremde Person einzulassen, ohne die Sicherheit aufzugeben, für die das Protokoll der neuen Welt bürgt. Das Werk setzt sich mit individueller Isolation und social distancing auseinander: Es erkennt die räumliche Distanz an und gibt den Teilnehmenden doch die Möglichkeit, eine neue zwischenmenschliche Verbindung aufzubauen.

Zu ihrer bisherigen Arbeit gaben Abigail Browde und Michael Silverstone einmal folgende Auskunft: „Wir machen Performances, die das Ergreifende und die theatrale Dimension, die menschliche Gemeinschaften ohnehin auszeichnen, in den Mittelpunkt stellen. Wir verfolgen einen radikalen Ansatz: Die Kunst soll Intimität zwischen Fremden ermöglichen. Unsere Stücke setzen sich mit dem, was uns als Menschen ausmacht, auseinander, nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Arbeitsprozess und dem, was danach folgt. Unsere Performances rahmen die Individuen, die in ihnen auftreten, ohne dass sie sich verwandeln müssten, nur indem sie sich so präsent und verletzlich zeigen, wie sie sind. Und dadurch verwandeln wir uns alle.“

In dieser Arbeitsweise, die noch aus der alten Welt stammt, liegt bereits der Grundstein für die wesentlichen Erfordernisse der neuen Welt, in die wir jetzt eingetreten sind. A Thousand Ways birgt das Potenzial, jede*n Einzelne*n von uns auf tausendfache Weise zu verändern. Und wie die Epidemiolog*innen wissen: Wir tragen diese Veränderungen in uns mit und können sie als superspreaders jederzeit weiter verbreiten.
Aus dem Englischen von Martine Dennewald

Simon Dove, im Vereinigten Königreich geboren, lebt in New York. Er ist Geschäftsführer von CEC ArtsLink, einer Organisation, die den Austausch zwischen Künstler*innen und Kulturschaffenden weltweit fördert, und arbeitet außerdem im Bereich Kuration und Bildung. Von 2008 bis 2018 war er Ko-Kurator des Crossing the Line Festival in New York, und von 2000 bis 2007 Künstlerischer Leiter des Festivals Springdance in den Niederlanden. Von 2007 bis 2012 war er Professor of Practice und Direktor der School of Dance an der Arizona State University.