Antoine m’a vendu son destin. Sony chez les chiens


Dieudonné Niangouna . Brazzaville . Republik Kongo I Paris . Frankreich

Herrschaftssatire mit Hundegebell

Dieudonné Niangouna kann austeilen und hat keine Angst selbst einzustecken. Als Kind wollte er Kung-Fu-Boxer werden, doch da kam ihm zuerst sein Vater und dann das Theater in die Quere. Stückeschreiben brachte er sich selbst bei, Spielen lernte er unter anderem bei Sony Labou Tansi, dem Altmeister der kongolesischen Dramatik, der mit 47 Jahren an AIDS starb. Mit dem Inszenieren begann Niangouna 1997, als sein Bruder und er mitten im Bürgerkrieg in Brazzaville eine Compagnie gründeten. Sie nannten sie Les Bruits de la rue, Straßenlärm, und entwickelten ihre „Dramaturgie des Big, Bumm, Bah“ als Antwort auf die Salven der Kalaschnikows. Seit drei Jahren lebt Niangouna im französischen Exil. Zu deutlich hatte er den Rücktritt des amtierenden Präsidenten gefordert. Nun hat er in Paris zwei Theatertexte trick- und aufschlussreich verschachtelt: Sony Labou Tansis Satire über einen Herrscher, der einen Staatsstreich gegen sich selbst inszeniert, um seine Gegner zu überführen, sowie eine von ihm selbst verfasste Hommage an die Vaterfigur Tansi, mit der er zugleich hart ins Gericht geht. Niangouna schreibt, inszeniert und spielt, wie ein Weltmeister Kinnhaken verteilt, geübt, virtuos, mit voller Wucht.
Cool-down nach der Vorstellung 14.06.

Regie Dieudonné Niangouna Mit Diariétou Keita . Dieudonné Niangouna Text „Sony chez les chiens“ Dieudonné Niangouna Text „Antoine m’a vendu son destin“ Sony Labou Tansi Künstlerische Mitarbeit Laetitia Ajanohun Dramaturgie Hermine Yollo Bühne Jean-Christophe Lanquetin Ton Pierre-Jean Rigal (Pidj) Licht Laurent Vergnaud Kostüm Alvie Bitémo Technische Leitung Nicolas Barrot Ausstattungsassistenz Papythio Matoudidi Produktion Cie Les Bruits de la Rue Koproduktion Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt . Théâtre Vidy-Lausanne . Bonlieu – Scène Nationale d’Annecy . La Colline Übersetzung ins Deutsche Isolde Schmitt

Gefördert im Fonds TURN der Kulturstiftung des Bundes im Rahmen des Projekts SCHULD
Mit freundlicher Unterstützung des Institut français und des französischen Ministeriums für Kultur/DGCA


Staatstheater Grosses Haus


13.06. - 14.06. 19:00 Uhr

Eintritt VVK 24 Euro . AK 26 Euro
Ermäßigt VVK 12 Euro . AK 13 Euro
Einführung 13.06. / 14.06. 18.30 Uhr. Louis-Spohr-Saal
Gespräch nach der Vorstellung 13.06.
Dauer 1h35
Sprache Französisch mit deutschen und englischen Übertiteln

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Abgesehen von Billy the Kid

Dieudonné Niangouna  


Der kongolesische Dramatiker Dieudonné Niangouna gehört zu den erfolgreichsten afrikanischen Theaterkünstler_innen seiner Generation. Als 2005 die Comédie Française zum ersten Mal Theatertexte vom afrikanischen Kontinent in einer szenischen Lesung präsentiert, ist er unter den Auserwählten, 2013 steht er als „artiste associé“ beim prestigeträchtigen Festival d’Avignon im Zentrum der Aufmerksamkeit, mittlerweile inszeniert er am Théâtre National de la Colline in Paris. Wogegen er sich wehren muss, welche Missverständnisse aufzuklären sind und mit welchen Ausflüchten man ihm auf gar keinen Fall kommen sollte, erzählt Niangouna in diesem Essay aus der Sammlung „Acteur de l’écriture“.


Was ist die Zukunft des Theaters auf dem afrikanischen Kontinent? Die Angst. Das würde ich, ohne zu zögern, so sagen. Die Angst vor dem Morgen. Dass wir aufwachen und plötzlich feststellen, dass das Theater nicht mehr existiert und dass wir nicht mehr wissen, was wir tun sollen und wo uns der Kopf steht. Dass wir uns dabei erwischen, dass wir nicht mehr von seiner Kunst, in seiner Kunst, für seine Kunst und mit seiner Kunst am Leben gehalten werden. Dass wir nicht mehr aus seiner Kunst leben. Und dass diese Kunst nicht mehr in unseren Horizont passt.
Wir wollen ja, aber sie passt nicht rein. Na, dann ab in den Mülleimer! Wir haben keine Zeit zu verlieren, die Welt dreht sich schnell.
Für welches Theater kämpfen wir? Für das der anderen!
Das Theater ist mit dem Boot auf den afrikanischen Kontinent gekommen. Es ist weiter von uns entfernt als jede andere Form von kulturellem Leben und jede andere Art von Kunstgattung. Die Codes des Theaters in Afrika sind mit dem Boot gekommen. Die Form an sich. Wir machen etwas ganz anderes als das, was unsere Vorfahren taten, wenn sie theatralische Formen für ein Ritual oder die Erzählungen des Griot[1] über die Ahnen fanden. Das ist in keiner Weise das, was wir auf der Bühne machen, seit weiß Gott wie vielen Jahren. „Auf der Bühne“, sage ich, und so sagen wir alle. Unser Theater auf der Bühne gehört uns nicht. Dann stelle ich also noch einmal die Frage: Für welches Theater kämpfen wir?

Die Programmgestalter, die sollten ja eigentlich was Gutes zu essen kriegen, aber die haben ihre Eingeweide voller Aas, und das riecht nach verfaulendem Fleisch. Jedes Mal, wenn man mir einen Programmgestalter vorstellt, dann sage ich mir:
Der, der ist schon tot.
Guten Tag, sind Sie Dieudonné Niangouna? Darf ich mich vorstellen, Herr Sowieso, ich bin für das Programm verantwortlich.
Du bist schon tot, mein Lieber. Du hast zu viel Aas gefressen.
Hört mal, die Typen sollen einkaufen oder nicht einkaufen, was sie wollen, ich werde mich nicht als Richter aufspielen. Aber da, wo der Schuh zu drücken beginnt, das ist, dass es ihre Entscheidungen sind, die diesen Kontinent präsentieren – hier in Afrika ebenso wie im Rest der Welt. Sie sind es, die die Geschichte definieren mit ihrer Programmgestaltung, sie schreiben die Geschichte – mit ihren Entscheidungen. Das, was man lernen muss, das, was man lesen und kapieren muss, das, wie’s um uns steht: Sie sind die Maßgeblichen, sie geben den Takt vor. Die Künstler sind die Hauptprotagonisten in einer Geschichte, die niemals die ihre ist. Irgendwann muss man das zugeben, anstatt den Künstlern geschwollene Phrasen zu erzählen und zu behaupten, sie seien die „Stützpfeiler von“ Punkt, Punkt, Punkt. Alles gelogen!
Es gibt also ein Problem im Theater in Afrika, und zwar deshalb, weil die Programmverantwortlichen sich den Kopf mit zu vielen Joints vernebelt haben, weil der Markt auf diesem Kontinent vom Blick der westlichen Programmgestalter abhängt. Und ich sage extra „in Afrika“, nicht „von Afrika“, ich spreche sehr wohl vom „Theater in Afrika“, und wiederhole es: „in Afrika“. Und die Sache setzt sich fort. Genau das ist es, was man Kolonialsystem nennt. Wir sind die Herren bei uns, und auch bei euch sind wir die Herren. In jedem Fall sind wir immer die Herren, egal, wie viel Zorn du, Dieudonné Niangouna, in den Text legst, den du ungeschickt zu schreiben versuchst. Wir sind es, die bestimmen, ob das was taugt oder nicht. Wir entscheiden, wo der aufgeführt wird, dieser unglückselige Text, der sich für etwas hält. Das nennt man die Weiterführung der Kolonialisierung. Und die Künstler, weil sie zu blöd sind, rackern sich ab, um zu beweisen, dass sie den historischen Morast auf die Bühne gebracht haben. Die fahren doppelt ein. Sie sind nichts als Statisten, denen man das Kostüm der Hauptperson überzieht, während sie aufs Abstellgleis gefahren werden, zur Demontage. Ein letzter Ratschlag an die Programmgestalter: Suchen Sie sich eine andere Arbeit, vielleicht im Smoking, und wetten Sie bei Pferderennen, das ist Ihre wahre Berufung. Sie hätten einen kolossalen Erfolg.  

Sie sind es, die mich hervorgebracht haben. Ob einem das gefällt oder nicht, so ist es nun mal. Das nennt man Kolonialisierung, ganz einfach. Also, verdammt noch mal, ich feiere nicht die 50 Jahre Unabhängigkeit, ich nicht, denn das Theater in Afrika steckt noch mitten in der Kolonialzeit.

Afrika ist der einzige Kontinent, der Theater in einer Sprache spielt, die nicht die seine ist. Ganz Afrika! Das ganze französischsprachige schwarze Schwarzafrika spielt Theater in einer einzigen Sprache, und diese Sprache gehört niemandem von diesen schwarzen und frankophonen, schwarzen Ländern. Ein Wahnsinn! Finden Sie das gerecht? Und dann unterstehen Sie sich noch, die Frage zu stellen, warum es nicht funktioniert, das Theater, im schwarzen und frankophonen schwarzen Afrika? Was für eine blödsinnige Frage! Da ist jemand auf den Kopf gefallen und ich soll mich darüber aufregen? Je mehr die Welt mit den Jahren wächst, desto idiotischer werden die Fragen. Glaubt ihr, dass ihr ein gutes Ergebnis kriegt, wenn ihr den Franzosen Theater über mehr als ein Jahrhundert in Massai-Sprache einbläut? Ja, natürlich würden sie es machen, wenn einer mit der Peitsche hinter ihnen steht, aber rechnet nicht mit einem guten Ergebnis. Ihr nehmt Menschen mit einer bestimmten Kultur, ihr bläut ihnen ein Theater ein, das nicht ihre Kultur ist, in einer Sprache, die nicht zu ihrer Kultur gehört und dann werden sie von Leuten beurteilt, die nur einen Teil von all dem darstellen, und dann sollen die sich auch noch auf ein anderes Genre und eine andere Theaterströmung verlegen, weil diese oder jene schon veraltet ist.
Woanders stellt sich das Problem nicht. Weil woanders diese Verschmelzung nicht stattfinden muss. Nur bei uns, da muss diese Verschmelzung stattfinden, zu einer Legierung werden, denn natürlich ist da gar nichts, es ist einfach nur eine Sache aus der Kolonialzeit, die mit der französischen Sprache weiter andauerte, und zwar nicht als ein Instrument für die Sprache, sondern als Maßnahme für eine gelegentliche Kontrolle und als Bevormundung, um die Kolonialisierung aufrecht zu erhalten. Vielen Dank.

Habt ihr gesehen, wie sie uns zu Diskussionen und Konferenzen, Treffen und Seminaren zwischen den Theaterleuten aus den Ländern des „Südens“ (sie haben es geschafft, das richtige Wort zu finden) nach Paris oder nach Brüssel, in andere Städte und zu Festivals einzuladen? Selbst das Ministerium kann das nicht auslassen, und dann all die Organisationen, die mit Afrika arbeiten, sie reden darüber, sprechen von Theaterschaffen im Süden und über die zu entwickelnden Strukturen, um .... blablabla.
Afrika ist nicht die im Hintern eines an Verstopfung leidenden Kamels eingeklemmte Vergangenheit. Die verschiedenen Arten von afrikanischer Kultur sind die ganze Frische des Kontinents, aber „die Kulturen“ heißt nicht „die Vergangenheit“: Die Kulturen sind die Menschen. Jedes Mal, wenn ich einem alten afrikanischen Weisen zuhöre, wie er von irgendeiner großartigen Vergangenheit spricht, dann bin ich völlig gebannt von der Magie seiner Stimme und dem Rhythmus seines Ausdrucks, der Wahl seiner Worte und dem Geschmack der Zeit, die auf seiner belegten Zunge dahinschimmelt.
Und jedes Mal, wenn ich einen alten afrikanischen Weisen vom Jetzt sprechen höre, auch wenn er behauptet, der Gegenwart anzugehören, dann habe ich Lust, ihn in ein Klo zu verbannen und runter zu spülen, Klopapier inklusive. Ich liebe es, dem Jetzt anzugehören, um zu wissen, wovon wir reden und mit wem wir reden, sonst können wir uns ja gleich zur Mumie in den Sarkophag legen. Aber obwohl ich es liebe, dem Jetzt anzugehören, habe ich einen unglaublichen Respekt vor der Mumie in ihrem Sarkophag. Die Malerin Bill Kouélany sagt: Alle über 45 sollte man schlachten! Sie haben sicherlich verstanden, dass sie nicht vom Alter spricht – sondern vom Aas! Das Heute brauchen wir! Vom Jetzt ausgehend denken, heißt, nicht nur für das Jetzt denken. Nein! Es heißt, das Denken an sich zu verändern. Die ganze Art und Weise zu denken muss sich ändern, der Weg der Vorstellungskraft, die Ausrichtung des Denkens, die Qualität des Denkens an sich, die Richtung der Absichten! Alles muss neu gemacht werden! Es gibt ja noch nicht einmal die Grundlage für Frische. Es gibt nichts, alles ist verstaubt. Das erinnert mich an all das, was gescheitert ist. Und ich bin wirklich kein Aas auf dem Mülleimer. Also, abgesehen von Billy the Kid respektiere ich keinen Begriff im Theater, keine Vorstellung eines Programmgestalters auf dem Kontinent, keine einzige Regel in Bezug auf Für welches Theater kämpfen wir? Alles muss neu erfunden werden.
Alles!
Angefangen mit dem, was ich sage.  

Gekürzte Version des Essays „A part Billy the Kid!“ In: „Acteur de l'.criture“ von Dieudonné Niangouna, Solitaires Intempestifs 2013
Übersetzung aus dem Französischen: Isolde Schmitt


Dieudonné Niangouna, geboren 1976 in Brazzaville (Republik Kongo), lebt derzeit im französischen Exil. Er ist Schauspieler, Autor und Regisseur. Nichts beschreibt seine Arbeit besser als der Name seiner Compagnie: „Les Bruits de la Rue“ – Straßenlärm. Sein literarisches Werk ist von den Straßen inspiriert, mit explosiver Sprachgewalt fängt es die kongolesische Realität ein. 2013 war Dieudonné Niangouna als „artiste associé“ künstlerischer Ko-Leiter des Festival dʼAvignon. Im selben Jahr zeigte er als deutsche Erstaufführung „La Fin de la légende“ beim Festival Theaterformen. 2018 ist er in Braunschweig mit „Antoine m’a vendu son destin . Sony chez les chiens“ zu sehen.


[1] Die Ursprünge der Griot-Tradition gehen auf das Reich der Malinke zurück, das sich vor 700 Jahren vom heutigen Senegal bis Timbuktu und Gao in Mali erstreckte und selbst Teile der Elfenbeinküste umschloss. Griots dienten am Hofe als Berater, sie waren Geschichtenerzähler, Musiker und Preissänger; sie alle gingen aus fünf führenden Griot-Familien hervor. (vgl. Goethe-Institut, www.goethe.de)