Die Geschwindigkeit des Lichts


Marco Canale . Buenos Aires. Argentinien

Eine szenische Reise durch Hannover
Der argentinische Regisseur Marco Canale hat Erinnerungen, Träume und Lieder von hannoverschen Senior*innen zu einem Theaterstück verwoben, das das Publikum mitnimmt auf eine Reise quer durch die Zeit, quer durch die Stadt – zu Denkmälern, in eine Ruine und in private Wohnzimmer. An jeder Station erwartet die Gruppe ein neues, flüchtiges Bühnenbild. Im Wechselspiel von kollektivem und individuellem Gedächtnis entsteht so ein Schatz aus ungehörten Stadtgeschichten. Über ein Jahr hat Marco Canale Die Geschwindigkeit des Lichts mit rund 50 Senior*innen vor Ort erarbeitet. Die erste Version des Projektes entstand in Buenos Aires, die nächste wird derzeit in Tokio vorbereitet.

Treffpunkte für die Vorstellungen geben wir ab Juni an dieser Stelle bekannt. Bitte hinterlegen Sie beim Kartenkauf an den Kassen der Staatstheater Mailadresse und Telefonnummer.

Nicht barrierefrei . Festes Schuhwerk empfohlen . Bei dramatisch schlechter Wetterlage kann die Vorstellung u. U. nicht stattfinden. Symposium mit Marco Canale 21.06. 14.00 Uhr . Foyer Schauspielhaus

Im Rahmen von Entangled Histories gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes

Regie . Text Marco Canale Mit Wael Adi . Adel Al-Masri . Mona Al-Masri . Torsten Burow . Egbert Cassier . Claudia Dittmar-Lindemann . Gabriele Dragon . Rita Eggers . Christiane Frank . Angelika Goldner . Gerlinde Griepenburg- Burow . Irmela Homburg-Krüger . Diana Kriegel . Elke Krischke . Martin-G. Kunze . Hanna Legatis . Sabrina Legatis . Alwin Meynecke . Annerose Pages . Kurt Pages . Christiane Puschke . Eva-Maria Puschke . Ingeborg Rindermann . Hans-Georg Schürmeyer . Barbara Spielvogel . Angelika Trappe . Annemarie von Rad . Elisabeth von Stuckrad-Barre . Veronika Weber . Marie-Luise Witte und vielen anderen Bühne Almut Breuste Musik Juan Bayá . Thomas Siebert . Annette Siebert . Jörg Straube Choreografie Ingrid Laski-Witt Grafik Paula Erre Produktionsleitung Lena Lappat Produktionsassistenz Mara Martinez Mit Dank an Evangelisch-lutherischer Stadtkirchenverband Hannover . Gedenkstätte Ahlem . Jüdische Gemeinde Hannover K.d.ö.R. . Kantorei St. Georg . Leinetal Gymnasium und Realschule . Netzwerk Erinnerung und Zukunft in der Region Hannover . Rosebuschverlassenschaften . Städtische Erinnerungskultur


In der Stadt


22.06. - 23.06. 10:00 Uhr

25.06. - 26.06. 18:00 Uhr

28.06. 18:00 Uhr

29.06. 10:00 Uhr

Eintritt VVK 26 Euro / AK 28 Euro
Ermäßigt VVK 13 Euro / AK 14 Euro
Dauer ca. 4h . mehrere Pausen . Inklusive Snack
Sprache Deutsch, Arabisch, Russisch, Türkisch mit deutschen und englischen Übertiteln

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Die Geschwindigkeit des Lichts

Die Aegiedienkirche ist eine von mehreren Spielstätten für Die Geschwindigkeit des Lichts

Seit März 2017 arbeitet Marco Canale an einer hannoverschen Version von La velocidad de la luz, das 2016 in Buenos Aires uraufgeführt wurde. Für Die Geschwindigkeit des Lichts hat er mit den hannoverschen Protagonist*innen Work- shops in den Bereichen Theater, kreatives Schreiben, Gesang, Tanz, Fotografie und Geschichtenerzählen veranstaltet. Über anderthalb Jahre ist ein Theaterstück entstanden, das an verschiedenen Orten in Hannover ein Zuhause hat. Das Projekt bringt Menschen zusammen, zwischen denen üblicherweise keine Begegnung stattfindet: Senior*innen verschiedener Kulturen, Stadtteile, Geschlechter und Herkunft. Beim Gang durch die Stadt, in der U-Bahn und in Wohnräumen werden Spuren ihres Lebens sichtbar.

Von Marco Canale

In meiner Vorstellung besteht dieses Theaterprojekt aus zwei Achsen – einer räumlichen und einer zeitlichen. Entlang der räumlichen Achse zeigt sich die Stadt mit ihren verborgenen Seiten. Verdrängte oder vergessene Episoden unserer Geschichte und Gegenwart. Politische und historische Ereignisse, unser Alltag und das Leben unserer Vorfahren. Verschiedene Orte, die wir bewohnen: Straßen, Plätze, Häuser, in denen wir geboren wurden, Friedhöfe, Bäume, Vögel, Schulen und heilige Räume. Schauplätze verdrängter Geschichten. Die zeitliche Achse beginnt dort, wo unsere Wurzeln sind, und dehnt sich Richtung Tod und Jenseits. Der Weg dorthin ist gezeichnet von der Beziehung zur Natur, von Gefühlen, von Liebe.

In meinem Stück geht es um Begegnungen in Hannover, um Räume, in denen Senior*innen verschiedener Herkunft, Kulturen und Wissenskontexte über mehrere Monate zusam- menkommen. Sie treffen sich, um durch die Straßen und Räume der Stadt zu wandern und Orte zu besuchen, die ihnen etwas bedeuten, mit denen ihre Lebensgeschichten verbunden sind. Sie sitzen in einer Kirche, einem Proberaum, in Kneipen oder daheim, um zu frühstücken, Briefe zu lesen, zu schreiben, sich zu erinnern.

Ein Foto, aufgenommen in Syrien, das eine Wassermühle zeigt, die Kontakte einer älteren Frau im sozialen Netzwerk Happen und die Geschichte Hannovers von oben, aus der Baum- oder Vogelperspektive. Die Erinnerung daran, was unsere Vorfahren in der Nacht taten, als die Synagoge in der Calenberger Neustadt in Brand gesteckt wurde, und die Reise eines Mannes, der sich zu Fuß nach Syrien aufmachte. Erinnerungen an Bombenangriffe und Besäufnisse, an die Gespräche mit Eltern über ihre Beteiligung am Nazi-Regime, kurz bevor sie starben. Die Züge, die von Ahlem zu den Lagern fuhren, die enteigneten Fabriken, eine jüdische Gartenbauschule, in die ein Gestapo-Quartier einzog, und die Gärten, die ehemalige Schüler*innen an verschiedenen Orten der Welt anlegten. Die Begräbnisse, die Geburten, die Erfahrungen, die Unglücke, die Liebesbeziehungen, die beruflichen Tätigkeiten und die Lieder der Senior*innen, die sie seit ihrer Kindheit singen.

Mein Stück entsteht aus den Erinne- rungen und dem Teilen der Geschichten. Die Körper, die Worte, die Stimmen. Von Vergangenem erzählen und Neues entstehen lassen im Hier und Jetzt, von hier lässt sich eine mögliche Zukunft erspähen. Vielleicht erzählt dieses Stück auch von der Kraft des Glaubens, jenseits der Konfessionen. Es folgen ein paar Auszüge aus dem Universum meiner Mitspieler*innen und Sänger*innen. Und aus meinem.

Das zerbombte Hannover. Oben links die Aegidienkirche

EIN WUNDER
Es war 1944. Der Zweite Weltkrieg ging in seine letzte Phase. Fast täglich gab es hier in Hannover und in anderen Großstädten Bombenangriffe der englischen und amerikanischen Luftwaffe. Ich war drei Jahre alt. Ich hatte eine ziemlich starke Hautkrankheit, wahr- scheinlich durch Ernährungsmangel. Damit ich mich nachts im Schlaf nicht blutig kratzte, hatte meine Mutter mich in meinem Kinderbett an Händen und Füßen festgeschnallt. Das Bett stand unter einem hohen Fenster. Eines nachts ging auf dem Feld gegenüber eine zu früh abgeworfene Bombe nieder und explodierte. Obwohl etwa 80 Meter entfernt, war der Luftdruck so groß, dass das Fenster über mir aus der Mauerverankerung gerissen wurde und über mein Bett fiel. Als meine Familie nach dem Knall in mein Schlafzimmer kam, fanden sie mich bedeckt von unzähligen Glassplittern— völlig unverletzt. Nicht einer der Splitter hatte mir Schaden zugefügt.

Probe bei Angelika zu Hause

WE CAN DANCE
Mit fünfzehn komme ich zum Arbeiten aus der Türkei. Ich lebe bei meiner Tante in einer Holzbaracke, der Boden ist aus Erde. Nachts höre ich die Hunde bellen, ich habe Angst. Jeden Abend gehe ich zu Fuß nach Hause, ohne stehen zu bleiben, so wie meine Tante es mir geraten hat. Aber eines Nachts bleibe ich vor einer schwarzen Tür stehen, dahinter hört man wie von weit weg eine Musik. Ich gehe rein, es wird getanzt. Das war das erste Mal, dass ich „We can dance“ von ABBA hörte.

DIE AHLEMER PFLANZEN
Die „Israelitische Erziehungsanstalt“ wurde 1893 vom jüdischen Bankier Moritz Simon gegründet und hat Tausende junge jüdische Menschen aus Niedersachsen in Gartenbau ausgebildet.

1941 wurde die Schule von den Nationalsozialisten geschlossen und zum Hauptquartier der Gestapo umfunktioniert. Zwischen Dezember 1941 und Januar 1944 waren dort über 2000 jüdische Mitbürger*innen aus dem ganzen südlichen Niedersachsen inhaftiert, bevor sie nach Osten in die Vernichtungslager deportiert wurden. Das leer stehende Hauptgebäude der Gartenbauschule wurde zu einem von der Gestapo geführten Gefängnis. Im März 1945 wurden nicht weniger als 59 Häftlinge erhängt und am 6. April wurden 56 Häftlinge gemeinsam mit 98 Gefangenen des Arbeitserziehungs- lagers Lahde in einer Massenhinrichtung auf dem Seelhorster Friedhof erschossen. Nur einer konnte sich retten. Nach ihrer Befreiung legten die jüdischen Überlebenden in Ahlem einen Landwirtschafts-Kibbuz an, genau an dem Ort, von dem aus sie deportiert wurden. Der letzte von ihnen emigrierte Anfang 1948 nach Palästina. Zwei Studierende und ein Professor der Ahlemer Schule gestalteten dort später die Gärten verschiedener Kibbuzim, die sich von den dort vorher angelegten Gärten grundlegend unter- scheiden.

MEIN VATER
Er lebt noch in Hamburg. Er ist 97 Jahre alt. Wir sind eine Familie von Professoren. Ich bin die dritte Generation. Mein Vater gehörte der Waffen-SS an. An der russischen Front, jeden Morgen nach dem Aufstehen, mussten sie den Hitlergruß machen, auf Augenhöhe. An einem Morgen rief er: „Heil Hitler“ und ein russischer Partisane schoss auf ihn. Der Schuss schnitt ihm einen Teil des Fingers ab. Diesen Finger sahen wir nach dem Krieg jeden Tag und er erinnerte uns daran, dass unser Vater Soldat gewesen war. Und manchmal im Sommer, wenn er badete, sahen wir, dass er einen Punkt auf der Brust und einen auf dem Rücken hatte. Das war ein Durchschuss, der nichts verletzt hatte innerlich. Er war Offizier im Krieg. Als Kinder fragten wir ihn, wie der Krieg war. Er erzählte uns, dass er einmal an die Tür eines Hauses klopfte und dass das Haus dann vor ihm in sich zusammenstürzte und er vor den Trümmern stand, ganz. Ich fragte ihn: Hast du geschossen? 

Hast du jemanden getötet? Und er sagte mir: Kann sein, aber ich weiß es nicht. Ich: Warum kämpftest du? Er: Ich kämpfte nicht für Hitler, sondern für Deutschland. Ich weiß nicht, was das sein soll, für Deutschland zu kämpfen, wenn Hitler entschloss, die Welt zu invadieren. Aber die Wahrheit ist, ich glaubte ihm nicht. Die Gruppierung, der mein Vater angehörte, die Waffen-SS, war Teil der persönlichen Wache Hitlers. Sie liebten ihn und versprachen, für ihn zu sterben. Der Bruder meines Vaters verbrachte viele Jahre an Hitlers Seite. Mein Vater kam mit zehn Jahren in ein Internat in der Weimarer Republik. Dann gaben sie ihn auf eine Nazi- Schule. Vielleicht hätte er dem Nazis- mus nie so nahe gestanden, wenn er nicht auf diese Schule gegangen wäre. Ich werde es nie wissen. 

Grab des Onkels des Autors an der russischen Front. Die andere Leiche wurde nie identifiziert

Der Autor Torsten als Kind

EINE BIBLIOTHEK IN SYRIEN
1. In Syrien besitze ich eine Bibliothek mit 5000 Büchern. 1982 stürmte das Militär meine Wohnung auf der Suche nach Waffen, aber sie fanden nur Bücher. Aus Wut und Enttäuschung warfen sie sie auf den Boden. Ich liebe meine Bücher sehr und sagte den Soldaten: „Wie ihr mit den Büchern umgeht, ist fast, als ob ihr mich tötet.“ Die Soldaten waren bewaffnet. Manche von ihnen hätten wohl gerne auf mich oder meine Bücher gefeuert, aber der Oberst sagte ihnen, sie sollten meine Bücher stehen lassen. Das taten sie und gingen.

2. Ich machte mir gerade einen Kaffee, als ein Geschoss in meinem Schlafzimmer explodierte, nur eine halbe Stunde, nachdem ich dort geschlafen hatte. Der Einschlag brachte das Haus zum Beben, aber es brach nicht zusammen. Wo früher das Zimmer war, gab es nur noch Steine. Meine Tochter brachte mich nach Deutschland. Die Zeit vergeht und alles bleibt gleich: Ich will zurück nach Hause.

3. Die Nachricht erneuter Bombenangriffe kam eines Morgens, als ich meiner Tochter beim Schneiden der Rosenbüsche half. Wir versuchten, ihren Bruder und meine Enkel zu erreichen, die bei der Familie ihrer Schwägerin waren, aber die Leitungen waren tot. Das Wenige, das wir aus den Nachrichten erfuhren, war schrecklich. Die Stadt war dem Erdboden gleichgemacht und wurde vom Militärregime beherrscht, mitten auf der Straße wurden Menschen ermordet. Mein Sohn – das wusste ich in dem Moment – war untergetaucht oder tot. Ich ging hoch ins Schlafzimmer und betete, die ganze Nacht. Auf meinem Bett, den Blick zur Decke gerichtet, hatte ich eine Vision: Wenn ich zu Fuß nach Syrien zurückgehe, wird mein Sohn nicht sterben. Er wird leben.

Gespräch mit Wael, Adel und Mona. Kaffee mit Kardamom und Süßigkeiten. 

ZWEI SCHÜLER
Als ich in den Sechzigerjahren begann, in der Sekundarstufe zu unterrichten, hatten sich zwei etwa fünfzehnjährige Jungs gerade den Neonazis angeschlossen. Ich war neu an der Schule und einer der beiden kam zu mir in den Unterricht. Von den anderen Lehrer*innen wurde er links liegen gelassen, aber ich suchte den Kontakt zu ihm. Seine Schwester war in einer linken Gruppe aktiv und sein Vater war Pastor. Ich glaube, das trug dazu bei, dass er sich einer rechtsextremen Gruppe anschloss. Er wollte nicht mit mir reden, deswegen fragte ich ihn, ob er mit mir singen würde. Er schwieg und ich begann zu singen, alte Stücke von Bach. Als ich aufhörte, sagte er, dass er einige davon kannte, weil seine Großmutter sie gesungen hatte. Er sang nie, aber er kam, um mich singen zu hören, mal in der Aula und mal in den Wäldern in der Umgebung der Schule. Und eines Nachmittags, am Ufer des Sees, sang er doch.

Die Lehrerin Gerlinde im Berggarten 

MEIN ERSTER TAG IN HANNOVER
Abends um sechs gehe ich aus dem Haus. Es ist kalt und ich verirre mich, halb gewollt, in den Straßen Hannovers. Ich komme an einen Platz, auf dem sich Grabsteine befinden, nicht wie in anderen Städten mit ihren kleinen eingezäunten Friedhöfen. Die Grabsteine stehen mitten im Gras, kleine Gruppen spazieren herum, ein Kind läuft vorbei und ein Säufer liegt herum. Ich überquere den Platz und finde dort eine kleine Kapelle ohne Dach, eine Ruine. In ihrer Mitte befindet sich eine Vertiefung, in der vielleicht 50 Personen Platz finden würden. Ich stelle mich dorthin und schaue Richtung Himmel. Ich stelle mir vor, dass von oben eine Bombe fällt, das abwesende Dach zerschlägt und den Krater verursacht, in dem ich stehe.

Es gibt etwas, das mir vom Friedhof gefolgt ist: Vögel. Hunderte Vögel fliegen in Schwärmen über die Dächer der Stadt. Ich stelle mir Hannover als die Stadt der Vögel vor, ein hochtrabender Titel, und schlendere weiter zu einem Kirchturm, den man von ferne sieht. Aus der Seitentür der Kirche höre ich Musik. Ich öffne die Tür und sehe ganz hinten auf einer Bühne einen Chor, ältere Menschen, die singen. An diesem Ort, wo ich eine Frau sehe, die versucht mitzuhalten, weine ich aus Gründen, die weder mit ihr noch mit Hannover zu tun haben. Diese Frau – und die anderen im Chor – werden Teil dieser Arbeit sein. Der Baum, den du vergessen hat, erinnert sich an dich. Atahualpa Yupanqui

Die Geschwindigkeit des Lichts – am 22., 23., 25., 26., 28. und 29.06.

Marco Canale ist Theater- und Filmregisseur. Er ist spezialisiert auf Projekte, die Kunst mit verschiedenen soziokulturellen Aspekten verbinden. Dabei entwickelt er seine Stücke, die oft in Stadtteilzentren und im öffentlichen Raum stattfinden, gemeinsam mit Bürger*innen vor Ort. Diese Theaterarbeiten von und mit Menschen in marginalisierten Stadtvierteln, erfordern in der Regel einen Vorlauf von mehreren Jahren. Canales Theaterarbeiten waren bislang in Buenos Aires, Guatemala, Edinburgh, Madrid und London zu sehen.
Foto: Wilca