Mare Nostrum

05 Mare Nostrum Foto Gabriel Morales Web 04 Mare Nostrum Foto Gabriel Morales Quer

Laura Uribe . Teatro en Código . Mexiko-Stadt . Mexiko

Bildgewaltiges Dokumentartheater über Flucht und Vertreibung

Während der 100 Minuten, die diese Aufführung dauert, begeben sich weltweit etwa 40.000 Menschen auf die Flucht – das verkündet Regisseurin Laura Uribe gleich zu Beginn in riesigen Buchstaben. Viele flüchten innerhalb ihres Landes, wie die in Kolumbien von den paramilitärischen Verbänden der FARC-EP Vertriebenen. Andere entscheiden sich für den Weg übers Meer und werden an den Küsten wohlhabender Nationen angespült.
Uribes mexikanisch-kolumbianische Koproduktion ist fundiertes Dokumentartheater, Videospektakel und Satire zugleich. Geflüchtete und ihre Angehörigen erzählen vom Verlust und davon, wie man mit ihm leben lernt, und sie erstatten Bericht über die Anzahl der Vermissten. Doch ihre Forderungen verhallen: Anstelle der Mächtigen dieser Welt tritt ein Rollschuh fahrender Pinguin auf. Stumm und blind in seinem Ganzkörperkostüm hebt er nur ratlos die Flügel. In mächtigen Bildern prangert Mare Nostrum die Inhumanität eines Kapitalismus an, der systematisch die Entwurzelung Abertausender produziert.
Gespräch nach der Vorstellung 13.06.

Text . Regie Laura Uribe Mit Marisol Álvarez . Tata Castañeda . Esteban M. Madrigal . Karla Garrido Bühne . Lichtdesign Tenzing Ortega Kostüme Ricardo Loyola Multimediadesign Edmundo Herrera . Hector Cruz Multimedia-Live-Performance Hector Cruz Sounddesign Edmundo Herrera . Anna Cristina Portillo Live-Musik Tata Castañeda Raumkonzept Laura Uribe Dramaturgie Manuela Paniagua Produktion Teatro UNAM . Universidad de Antioquia . Teatro en Código

Gefördert durch das Goethe-Institut


Schauspielhaus


13.06. - 14.06. 19:00 Uhr

Eintritt VVK 24/18 Euro . AK 26/20 Euro
Ermäßigt VVK 12/9 Euro . AK 13/10 Euro
Einführung 13.06. 18:30 Uhr . Theatermuseum
Warm-up 14.06. 18:00 Uhr . Schauspielhaus
Dauer 1h45 . keine Pause
Sprache Kolumbianisches Spanisch mit deutschen Übertiteln

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Die neue Generation

von Luz Emilia Aguilar Zinser

Mit Mare Nostrum kommt eine mexikanisch-kolumbianische Inszenierung der Regisseurin Laura Uribe nach Hannover. Luz Emilia Aguilar Zinser, Theaterkritikerin und -wissenschaftlerin, gibt mit ihrem Magazin-Beitrag Einblicke in die jüngere Geschichte ihrer Heimat und des Theaters.

Geopolitik und Gewalt

Die Situation in Kolumbien und Mexiko Weltweit sind derzeit mehr als 66 Millionen Menschen Opfer gewaltsamer Vertreibung durch Krieg, Enteignung, organisierte Kriminalität und andere Formen von Gewalt. Unter ihnen sind rund 22 Millionen Geflüchtete und elf Millionen Staatenlose. Nach Daten des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) vom Februar 2017 ist Syrien das Land mit den meisten Vertriebenen durch bewaffnete Konflikte, gefolgt von Kolumbien, das gleichzeitig das Land mit den meisten Binnenflüchtlingen ist. Nationale und internationale wirtschaftliche Interessen begründeten bereits vor 70 Jahren den Ursprung der gegenwärtigen Gewalt in Kolumbien; das politische Leben des Landes sollte kontrolliert und Land und Rohstoffe ausgebeutet werden. Dabei ist die Einmischung der USA umfassend belegt. Die Gewalt in Kolumbien geht von systematischen Übergriffen der Armee, der Polizei, paramilitärischer Truppen, des organisierten Verbrechens und der Guerilla auf die unbewaffnete zivile ländliche Bevölkerung aus, die gefoltert und auf schlimmste Weise misshandelt wird.

Mexiko war im 20. Jahrhundert ausgesprochen stabil und konnte Geflüchtete aus Europa und Lateinamerika, die ihre Länder verlassen mussten, um Krieg und Faschismus zu überleben, Asyl und eine Zukunft bieten. Dieser Frieden gestaltete sich jedoch nicht ohne punktuelle Gewalt des Staates gegen Minderheiten, er ging Hand in Hand mit Ungleichheit, Not und mangelnder politischer Teilhabe. Seit Jahrzehnten sind Millionen von Menschen von Mexiko in die USA abgewandert. Über die Südgrenze kamen ebenfalls Millionen von Zentralamerikanern, in der Hoffnung, über mexikanisches Territorium in die USA zu gelangen. Als Präsident Felipe Calderón 2006 seine Amtszeit antrat, erklärte er dem Drogenhandel den Krieg. Doch statt für weniger Straftaten zu sorgen, verursachte er einen Anstieg des Drogenhandels; Schnellfeuerwaffen kamen in Massen aus den USA nach Mexiko und das Land verlor zunehmend an Souveränität. Der Schrecken nistete sich im Alltag ein und, wie bereits in Kolumbien, verbreitete sich das düstere Bild von zerstückelten Körpern, Folter und zur Schau gestelltem Blut. Es hat nie eine offizielle und systematische Erfassung der Gewaltverbrechen gegeben, die in Mexiko während des Drogenkriegs verübt wurden. Menschenrechtsorganisationen und Wissenschaftler_innen gehen mittlerweile von 300 000 Toten aus und rechnen mit 60 000 Vermissten, die während der letzten zehn Jahre in Mexiko „verschwunden“ sind. 


Die neue Generation im mexikanischen Theater

In den Fünfziger-, Sechziger- und Siebziger-Jahren des letzten Jahrhunderts erlebte das mexikanische Theater goldene Zeiten. Eine Hand voll Regisseur_ innen erforschte mit viel Talent und Mut die Möglichkeiten der Inszenierung. Herausragende Namen aus jener Zeit sind Héctor Mendoza, Juan José Gurrola, José Luis Ibáñez, Luis de Tavira, Ludwik Margules und Julio Castillo. Die meisten Theaterschaffenden traten damals einen Kampf gegen sexuelle Vorurteile an. Sie bestanden auf Nacktheit und Erotik, einige wagten ein Theater aktiver politischer Subversion. Im Laufe der Jahre setzte sich jedoch eine selbstbezogene Theaterpraxis durch. Das Theater stand nur noch im Dialog mit sich selbst und seinen Traditionen und versuchte zugleich, das Publikum mit leichten Stücken anzulocken. Mit dem Übergang vom 20. ins 21. Jahrhundert veränderte sich die mexikanische Theaterszene. Eine neue Generation tauchte auf, der daran lag, ihr Theater der jüngeren Geschichte zu widmen und von ihrer Warte aus die politische, wirtschaftliche und soziale Realität des Landes mit größerem Nachdruck als ihre Lehrmeister aufzuwühlen. Derzeit drängen neue Stimmen aus den Theaterschulen. Zu ihnen gehören das Teatro de Ciertos Habitantes, Línea de Sombra, Alberto Villareal, die Lagartijas Tiradas al Sol, Vaca 45, David Gaitán, Ángel Hernández, Mariana Gándara, Diego Álvarez Robledo, Mariana Villegas und Laura Uribe. Ihre Stücke werden bestimmt vom Einsatz verschiedener Medien, von biografischem Theater, Dokumentartheater und dem Nachdenken über verschiedene Formen von Gewalt.

Die Zwangslage der gewaltsam Vertriebenen – nicht nur in Lateinamerika, sondern auf der ganzen Welt – erlebt mit der Machtübernahme durch Donald Trump einen Paradigmenwechsel. Im Licht seiner Reden und Taten erscheint die Zukunft beängstigend; Lateinamerika steht vor einer großen Herausforderung, wenn es Millionen von abgeschobenen Migrant_innen aus den USA aufnehmen soll – einer Nation, die plötzlich vom Vorreiter der Globalisierung zu einem Land wird, das Mauern baut. Eine mögliche Antwort auf diese neue Realität sind Gelegenheiten zur Zusammenarbeit, wie es durch das Gastspiel Mare Nostrum in Deutschland geschieht: Lateinamerikanische Künstler_innen aus zwei Nationen treten in einen Dialog mit dem europäischen Publikum, zu einem drängenden Thema, das uns alle angeht. 

Mare Nostrum läuft am 13. und 14. Juni im Schauspielhaus.



Laura Uribe
studierte an der Theatre School of Mexico. Bekannt wurde sie mit der Gründung der Gruppe Teatro en Código (Kodiertes Theater). „Mare Nostrum“ basiert auf Texten der kolumbianischen Schauspieler_innen Marisol Álvarez, Tata Castañeda, Emanuel M. Madrigal und Manuela Paniagua und ist inspiriert von dem Stück der spanischen Dramatikerin und Performerin Angélica Liddell „Und die Fische zogen aus, um gegen die Menschheit zu kämpfen“. Foto: Laura Uribe



Luz Emilia Aguilar Zinser
ist Theaterkritikerin und -wissenschaftlerin, mit dem Forschungsschwerpunkt „Zeitgenössisches Theater im politischen und sozialen Kontext“. Sie studierte dramatische Literatur und Theater an der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko (UNAM). Zinser ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Ingmar-Bergman-Lehrstuhls der UNAM und der Zeitschrift Paso de Gato. Foto: Matias Camarena

Aus dem Spanischen übersetzt von Bochert Translations (Franziska Muche)

Teatro, violencia y geopolítica

Luz Emilia Aguilar Zinser

Mare Nostrum, puesta en escena de la directora y dramaturga mexicana Laura Uribe y la participación de un elenco México-colombiano, trata sobre la migración forzada, en un lenguaje que va de los datos duros al biodrama. 

El la actualidad existen en el planeta más de 66 millones de personas víctimas de desplazamientos forzados a causa de guerras, despojos, extorsiones del crimen organizado y otras formas de violencia. Hay cerca de 22 millones de refugiados y 11 millones de apátridas. Según cifras de la Agencia de las Naciones Unidas para los Refugiados (ACNUR) consultadas en febrero de 2017, el país con mayores índices de migración a causa de confrontaciones armadas es Siria, le sigue Colombia, que además ocupa el primer lugar en desplazamientos internos.

La violencia que se vive hoy en Colombia tiene su origen hace más de setenta años. En su génesis ha sido muy relevante la voluntad de intereses económicos nacionales y trasnacionales de imponer su control sobre la vida política del país y el despojo de territorios y recursos. La injerencia de Estados Unidos en este proceso ha sido ampliamente documentada. La violencia en Colombia se ha caracterizado por el ataque sistemático del ejército, la policía, los paramilitares, el crimen organizado y la guerrilla contra poblaciones civiles desarmadas, que habitan en zonas marginales, a las que se tortura y descuartiza de las más horripilantes maneras. 

En el siglo 20 México destacó por una estabilidad que le permitió dar asilo y futuro a migrantes de Europa y Latinoamérica, que tuvieron que salir de sus países para sobrevivir guerras y fascismos.  Se trataba de una paz no exenta de una localizada violencia de estado contra minorías disidentes y atravesada por la desigualdad, la miseria y la falta de participación política. La migración de México a Estados Unidos se ha dado por millones a lo largo de décadas. Por la frontera sur han ingresado también millones de centroamericanos esperanzados de llegar a través del territorio mexicano a Estados Unidos. Cuando tomó posesión el presidente Felipe Calderón en 2006 declaró la guerra al narcotráfico, que lejos de frenar los actos ilícitos provocó un aumento en el trasiego de droga y la entrada masiva de armas de asalto a México provenientes de Estados Unidos y una creciente pérdida de soberanía. En la vida cotidiana se instaló el escenario del horror y, como viene sucediendo en Colombia, el desmembramiento de cuerpos, la tortura y la espectacularización de la sangre se han impuesto como siniestros mensajes.  

No ha existido una contabilidad oficial sistemática de los asesinatos violentos en México durante la guerra contra el narco. A esto hay que sumar que más del 90 por ciento de los homicidios y desapariciones forzadas no se denuncian. Organizaciones de defensa de derechos humanos e investigadores del tema calculan que se ha llegado a 300 mil muertos y que podrían sumar 60 mil los desaparecidos en los últimos diez años en México. 

En los cincuenta, sesenta y setenta del siglo pasado el teatro mexicano disfrutó de una edad de oro, con el trabajo de un puñado de directores que experimentaron con gran talento y audacia las potencias de la puesta en escena, más allá de la tradicional reverencia al texto. Destacaron en ese periodo Héctor Mendoza, Juan José Gurrola, José Luis Ibáñez, Luis de Tavira, Ludwik Margules y Julio Castillo. La mayoría de los teatreros de esos tiempos libraron una lucha contra prejuicios sexuales, insistieron en los desnudos y el erotismo y unos cuantos se atrevieron a  ejercer un teatro de activa subversión política. Al paso de los años fue afianzándose una práctica ensimismada, el teatro dialogaba consigo mismo y sus tradiciones al tiempo que buscaba atraer al público con obras ligeras.  

En el paso del siglo 20 al 21 la escena teatral mexicana se transformó. Apareció una nueva generación interesada en revisar la historia, escarbar desde su mirada en la realidad política, económica y social del país con mayor insistencia que que sus maestros. En la actualidad cada año egresan de las escuelas nuevas voces en una cadena que va de Teatro de Ciertos Habitantes, Línea de Sombra, Alberto Villareal, las Lagartijas Tiradas al Sol, Vaca 45, David Gaitán, Ángel Hernández, Mariana Gándara, Diego Álvarez Robledo, Mariana Villegas y Laura Uribe. En sus obras es predominante la presencia de recursos multimedia, el biodrama, el teatro documental y la reflexión sobre distintas formas de violencia.

El dilema de los desplazamientos forzados no sólo en Latinoamérica sino en el planeta entero se abren a un cambio de paradigma con la llegada de Donald Trump al poder. A partir de su retórica y de sus actos el futuro se presenta lleno de angustiosas interrogantes; Latinoamérica enfrenta un gran reto en el reacomodo de millones de deportados del Estados Unidos, nación que de golpe pasa de ser el líder de la globalización a un país que levanta muros. Una forma de responder a esta nueva realidad es tendiendo puentes de colaboración, como la que está implicada en la presencia en Alemania de Mare nostrum, donde artistas latinoamericanos de dos naciones dialogan con un público europeo, en torno de  un tema urgente que nos atañe a todos.