My body belongs to me

Panorama 980 300 12

Laila Soliman . Ruud Gielens . Kairo . Ägypten | Antwerpen . Belgien

Performativer Aktivismus für körperliche Unversehrtheit
Gemeinsam mit einer selbst organisierten Gruppe von Frauen erarbeiten Laila Soliman und Ruud Gielens für das Festival Theaterformen eine Performance über FGM (female genital mutilation / weibliche Genitalverstümmelung). Seit drei Jahren vernetzen sich Frauen, die – meist aus dem Sudan kommend, heute in Hannover, Braunschweig, Soltau und Wolfsburg lebend – selbst FGM-Überlebende sind oder sich gemeinsam mit Betroffenen gegen FGM einsetzen. Es geht dabei um den Kampf gegen FGM, aber auch um Heilungsprozesse und Austausch: über den eigenen Umgang, die Auseinandersetzung mit der Familie und im Heimatland, die gesetzlichen Regelungen zu FGM als Asylgrund und die medizinische Versorgung von FGM-Überlebenden in Deutschland. Zum ersten Mal stehen die Aktivistinnen – Mütter, Hausfrauen und Berufstätigen – auf der Bühne, um die Kraft und die Schönheit des Frau*seins zu feiern. Und um uns teilhaben zu lassen an ihrem Kampf gegen FGM, der näher an uns dran ist, als wir denken.

Im Rahmen von Entangled Histories gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes
Gefördert durch das Goethe-Institut 

Konzept . Regie Ruud Gielens . Laila Soliman Koordination der Gruppe My body belongs to me Mai Shatta Mit Nihad Ahmed . Yodit Akbalat . Mona Habib Allah . Nadia Elsayed . Nagat Hamid . Abir Omer Produktionsleitung Swantje Möller 


Cumberland


25.06. 20:00 Uhr

Eintritt VVK 18 Euro . AK 20 Euro
Ermäßigt VVK 9 Euro . AK 10 Euro
Einführung 26.06. 19.30 Uhr . Cumberland
10 Minuten 10 Fragen nach der Vorstellung am 25.06.
Gespräch nach der Vorstellung after the performance 26.06.
Dauer ca. 1h30
Sprache Arabisch, Deutsch und Englisch mit deutschen und englischen Übertiteln

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Marginalisierten Stimmen eine Bühne geben

Theresa Schütz im Gespräch mit Laila Soliman und Ruud Gielens über Arbeitsweisen, die Kraft von Kollaborationen und das Verhältnis von dokumentarischem Theater und Aktivismus. 

Theresa Schütz: Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs seid ihr auf Recherchereise in Hannover, um euer neues Projekt vorzubereiten. Es wird sich – in Kollaboration mit dem Verein My body belongs to me – mit dem Thema weiblicher Genitalbeschneidung beschäftigen. Wie findet ihr eure Themen oder wie finden sie euch?

Laila Soliman: Martine Dennewald hatte in Tunis unsere Produktion Super-heroes gesehen, die wir gemeinsam mit Jugendlichen vor Ort entwickelt haben, und fragte uns, ob wir uns für Hannover etwas Vergleichbares überlegen könnten. Wir wollten Superheroes allerdings weder als Gastspiel zeigen noch etwas Analoges entwickeln, sondern viel lieber schauen, was uns in Hannover thematisch anzieht. Wenn wir auf Recherchereisen gehen, ist eine zentrale Frage für uns stets: Wer ist vor Ort marginalisiert und warum? Was ist die Geschichte die- ser Menschen? Das interessiert uns und steht am Beginn eines jeden Projekts.

Ruud Gielens: Auf eine fast philosophische Art vertraue ich darauf, dass ein Projekt den Weg zu uns findet. Wir kannten Hannover kaum und es ist uns wichtig, erstmal – soweit das möglich ist – herauszufinden, mit welchen Menschen, welcher Stadtgesellschaft wir es zu tun haben. Wer lebt hier und was sind Themen, die uns vor Ort dringlich erscheinen?

Laila: Zufällig habe ich über persönliche Kontakte die Frauengruppe My body belongs to me kennengelernt. Sie wird von zwei Aktivistinnen geleitet und versammelt Frauen, die aus dem Sudan nach Deutschland gekommen sind. Der erst kürzlich gegründete Verein setzt sich für eine kritische Awareness gegenüber FGM (female genital mutilation) ein – und zwar sowohl innerhalb der Community sudanesischer Geflüchteter und Migrant*innen aus anderen afrikanischen Ländern als auch im Hinblick auf die deutsche Gesellschaft und ihre Institutionen. So wollen die Aktivistinnen vor allem Menschen, die in medizinischen Einrichtungen oder Schulen arbeiten, für FGM und den Umgang mit betroffenen Frauen sensibilisieren. In der Gruppe ist auch eine Frau, die als erste Person in Deutschland aufgrund von FGM Asyl erhalten hat. Es geht darum, die rechtliche Situation für betroffene Frauen zu verbessern, Gesetzesänderungen anzuschieben und Aufklärungsarbeit innerhalb der Community zu leisten, z.B. dann, wenn ein Mädchen das Alter (4–10 Jahre) erreicht, in dem es im Herkunftsland üblicherweise beschnitten werden würde, weil die Tradition es so vorgibt. Über eine Bekannte hatte ich vorab erfahren, dass der Verein selbst schon überlegt hatte, ein Theaterstück zu entwickeln, um seine aktivistischen Ziele in einer anderen Form vermitteln und verbreiten zu können. Ich habe in Hannover dann an einigen seiner Gruppensitzungen teilgenommen und so wuchs die Idee einer Kollaboration.

Wie darf man sich die Form der Kollaboration mit My body belongs to me konkret vorstellen?

Ruud: Wir haben die Vereinsmitglieder gefragt, ob wir eine Performance entwickeln dürfen, die sich mit den Gegenständen, Zielen und Strategien von My body belongs to me befasst, und ob sie sich vorstellen könnten, selbst als Performer*innen in Aktion zu treten. In den Arbeiten, die Laila und ich gemeinsam entwickeln, setzen wir immer bei den Personen, die wir ins Zentrum der Arbeit stellen wollen, an. Wir fragen: Wer sind sie? Was sind ihre Geschichten? Was ist ihre Mission? Wir lernen einander also erst mal kennen. Erst mit der Zeit kristallisiert sich eine konkretere Idee für die Kollaboration heraus. Das Finden der „richtigen“ Form für die Inhalte ist bei uns ein dezidiert kollaborativer Vorgang. So formiert sich das Projekt gewissermaßen als Prozess über das Schreiben persönlicher Erlebnisse und Erzählungen, Improvisationen, Gruppenchoreografien und gemeinsames Musikmachen. My body belongs to me setzt sich aus Aktivistinnen zusammen, die konkrete gesellschaftspolitische Ziele verfolgen und versuchen, diese durchzusetzen. Was wir mit ihnen gemeinsam entwickeln, sollte also nicht nur ihre Mission respektieren, sondern selbst Bestandteil ihrer Bewegung werden können.

Was ist euer zentrales Anliegen, wenn ihr dieses Thema auf eine Theaterbühne bringt? Sind es die Erfahrungen der betroffenen Menschen, die geteilt werden sollen, oder geht es auch um eine Teilnahme am Diskurs, der in Deutschland ja z.B. bereits bei der „richtigen“ Begriffsverwendung beginnt: Spricht man von Genitalverstümmelung oder Genitalbeschneidung? Der feministische Diskurs scheint da selbst gespalten. Die weibliche Genitalverstümmelung (engl. mutilation) ist oft das Beispiel für die Opferrolle der Frau innerhalb eines patriarchalen Ausbeutungssystems, wodurch betroffene Frauen zweifach marginalisiert werden. Der Begriff der Genitalbeschneidung (engl. circumcision) versucht diese Opferdimension etwas abzuschwächen und den Dialog über kulturelle Differen- zen und Traditionen sowie rechtliche Grundlagen zu öffnen.

Laila: Diese Differenzierung in Deutschland war mir nicht bekannt. Im Englischen und auch in Übersetzungen aus dem Ägyptischen oder Sudanesischen benutzen wir Verstümmelung (mutilation) für Frauen und Beschneidung (circumcision) für Männer. Es gibt die Debatte, ob man die Beschneidung bei Männern nicht auch unter dem Begriff der Verstümmelung führen sollte, aber nicht umgekehrt. Diesen Versuch, eine empfindlich genaue Sprache zu finden, wenn es darum geht, über eine andere Tradition zu sprechen, bringt ja meist eine Gesellschaft auf, die bereits aus der Position der Vorherrschaft spricht. Eine solche Perspektive interessiert uns weniger. Wir interessieren uns für die Positionen der Frauen selbst. Was wollen sie erzählen und wie? Und aus einer feministischen Perspektive muss ich sagen, dass ich generell nicht an Zuschreibungen von Opferpositionen interessiert bin. Das Wort „Opfer“ selbst gilt es m.E. grundsätzlich zu vermeiden. Die Frauen im Verein nennen sich selbst FGM survivors und das ist, was mich in Bezug auf Inhalt und Form interessiert: Empowerment beginnt bei der Wortwahl und der Suche, für Erfahrungsschätze von Frauen die richtige Sprache zu finden. Wie darf ich mir die Zusammenarbeit zwischen euch beiden am besten vorstellen?

Laila: Seit 2011 arbeiten wir in unterschiedlichen Konstellationen zusammen. Ich arbeite meist eher in den Bereichen Regie oder Dramaturgie. Ruud hat sehr viele Kompetenzen, die er einbringen kann, z.B. Schauspiel, Schauspielcoaching, Videokunst, Lichtdesign. Häufig machen wir auch die Regie und Projektentwicklung gemeinsam, wie hier in Hannover.

Ruud: Wie wir genau zusammenarbeiten, hängt vom Projekt ab. Auch die Frage der Form entwickelt sich immer erst im Prozess. Während ich alleine selten Dokumentartheater mache, sind eigentlich fast alle Arbeiten von und mit Laila dokumentarische Formen. Ich glaube aber nicht, dass wir auf eine bestimmte Ästhetik festzulegen sind.

Seit etwa zwanzig Jahren boomt eine neue Formenvielfalt dokumentarischen Theaters in Deutschland und der europäischen Festivalszene, seien es verbatim theatre-Formate, Tribunale oder autobiografische Performances. Auch innerhalb des sog. postmigrantischen Theaters spielt recherchebezogenes Arbeiten eine zentrale Rolle. Wie verortet ihr euer Theater in dieser Gemengelage?

Laila: Uns interessiert weniger die Gegenüberstellung von Echtem und Fiktivem oder die Debatte um Authentizität auf der Bühne. Für uns ist die Realität eher ein Spektrum hin zum Imaginären. Alle Arbeiten von uns bewegen sich innerhalb dieses Spektrums: Mal sind sie näher an der Realität, mal näher am Imaginierten; oft sind die Inhalte der Realität entnommen, die Form strebt aber nach Fiktionalisierung und Ästhetisierung. Es gibt auch Varianten im Umgang mit Repräsentationsverhältnissen: Mal steht die Person mit ihren autobiografischen Erfahrungen selbst auf der Bühne, mal werden die Geschichten von Schauspieler*innen gesprochen. Wir mögen es, damit frei umzugehen. Auch der Einsatz von Tanz und Musik ist für mein Verständnis Teil der dokumentarischen Form. Es geht mir auch darum, mit dem Theater alternative Weisen der Geschichtsschreibung zu verfolgen, die nicht nur über Sprache, sondern auch über den Körper, über Klang und Bewegung funktionieren.Theresa: Ist es in euren Augen ein Problem mit Arbeiten, die aus einer dezidiert lokalen Perspektive heraus entwickelt werden, auf Tour zu gehen? Inwieweit denkt ihr in der Projektentwicklung ein internationales Publikum bereits mit? 

Ruud: Ein Mitglied von My Body Belongs to Me fragte mich, warum wir die neue Arbeit nur für Hannover produzieren und ob es nicht sinnvoller wäre, damit auch auf Tour zu gehen. Aus der Aktivistinnen-Perspektive kann ich das gut verstehen. Aber in den Arbeiten, die Laila und ich gemeinsam machen, steht meist zu Beginn fest, ob wir eine Vorstellung für die lokale Gesellschaft – vielleicht sogar konkret ortsspezifisch – entwickeln oder eine Arbeit machen, die darauf ausgerichtet ist, an verschiedenen Orten gezeigt zu werden.

Theresa: Es gibt in vielen eurer Arbeiten ein starkes Moment von politischem Engagement und gesellschaftlichem Veränderungswillen. Wie geht Theater und Aktivismus für euch zusammen? Reicht ersteres vielleicht oft nicht weit genug?  

Laila: Vielleicht ist das Verhältnis auch genau anders herum! Gerade vor dem Hintergrund der gegenwärtigen politischen Lage im postrevolutionären Ägypten kommt bei mir eine große Frustration auf. Dies führt dazu, dass ich den Aktivismus selbst hinterfrage und auch das, was überhaupt erreicht oder eben nicht erreicht werden kann. In meiner Generation haben wir eine besondere, kollektive Situation großer Hoffnung miteinander geteilt, worauf eine Phase schlimmster Militärgewalt folgte, die zur Inhaftierung vieler meiner Freunde und Bekannten führte und andere ins Exil zwang. Ich muss also gestehen, dass ich im Moment eigentlich an Sinn und Zweck von fast allem zweifle. Was nicht heißt, dass ich aufhöre künstlerisch und politisch weiterzuarbeiten und das zu machen, woran ich glaube. Denn dazu gibt es fur mich keine Alternative.

Das Gespräch fand am 06.01.2019 in Hannover statt. Am 25. und 26.06. läuft My Body belongs to Me in Cumberland.

Laila Soliman, geboren 1981 in Kairo, arbeitet seit 2004 als Theaterautorin, Dramaturgin und Regisseurin. Sie studierte Theaterwissenschaften und Arabische Literatur an der American University in Kairo und absolvierte einen Master bei Das Arts an der Universität der Künste in Amsterdam. Laila Soliman nahm 2011 an den Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz teil. Das Thema Verhältnis von Staat und Individuum findet sich in vielen ihrer Arbeiten – zuletzt in „The National Museum of the State Security System“ (2015) und „ZigZig“ (2016).
Foto: Ebtihal Shedid

Ruud Gielens, 1977 in Belgien geboren, studierte Regie am Royal Institute for Theatre, Cinema and Sound (RITCS) in Brüssel. Nach seinem Abschluss arbeitete er als Schauspieler, Bühnenbildner, Lichtdesigner und Videoinstallationskünstler, drehte Kurzfilme und führte an verschiedenen Theatern in Belgien und im Ausland Regie. Als Schauspieler war er in Luk Percevals „L. King of Pain“, „Turista“ und „Death of a Salesman“ zu sehen, an der Schaubühne in Thomas Ostermeiers „Woyzeck“. Von 2005 bis 2010 gehörte er als Schauspieler und Hausregisseur zum Ensemble des KVS in Brüssel. Seit Ruud Gielens 2011 mit Laila Soliman die Produktion „Lessons in Revolting“ inszenierte, lebt er phasenweise in Ägypten, wo er an Festivals und Theaterprojekten arbeitet.
Foto: Bart Grietens

Theresa Schütz, Jahrgang 1986, ist Theaterwissenschaftlerin und freie Kulturjournalistin. Sie hat Deutsche Literatur sowie Kultur- und Theaterwissenschaft in Berlin und Paris studiert. Derzeit arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Sonderforschungsbereich Affective Societies an der FU Berlin und schreibt ihre Dissertation zu Wirkungsästhetiken von zeitgenössischem „immersive theatre“.
Foto: Miriam Klingl