Oblivion

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Sarah Vanhee . Gent . Belgien

Dokumentarische Hommage an das Ausrangierte

Stellen Sie sich einen Ort vor, an dem man allen Dingen, die man ausrangiert, gelöscht, weggeworfen und vergessen hat, wieder begegnet. Die Künstlerin Sarah Vanhee hat akribisch und konsequent ein Jahr lang ihren gesamten realen und virtuellen Müll gesammelt und daraus eine Performance entwickelt, die sich über mehrere Stunden und schließlich den gesamten Theatersaal erstreckt. Minute für Minute, Satz für Satz füllt sich der Raum mit Objekten, Gedanken, Beziehungen, von denen sie sich eigentlich schon losgesagt hatte. Oblivion vollzieht einen radikalen Perspektivwechsel voller Zuwendung und Hingabe: Alles hat seinen Wert.

Sarah Vanhee

Konzept . Performance Sarah Vanhee Sound Alma Söderberg . Hendrik Willekens Outside Eyes Mette Edvardsen . Berno Odo Polzer Coaching Stimme Jakob Ampe Koproduktion CAMPO (Gent) . HAU (Berlin) . Göteborgs Dans & Teater Festival . Noorderzon (Groningen) . Kunstenfestivaldesarts (Brüssel) Produktion CAMPO (Gent)

Im Rahmen von NXTSTP, gefördert durch das Kulturprogramm der Europäischen Union
Mit Unterstützung der Flämischen Gemeinschaft


Ballhof Eins


14.06. - 15.06. 19:00 Uhr

Eintritt VVK 18 Euro . AK 20 Euro
Ermäßigt VVK 9 Euro . AK 10 Euro
Einführung 15.06. 18.30 Uhr . Foyer Ballhof Eins
Dauer 2h30 . keine Pause
Sprache Englisch

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Mit einem anderen leben

Esther Boldt über Tristesses und Oblivion

Zwei höchst unterschiedliche Künstlerinnen kommen aus Brüssel nach Hannover: die Wallonin Anne-Cécile Vandalem und die Flämin Sarah Vanhee. Während die Inszenierungen der einen hoch realistisch daherkommen, mit sorgfältig ausstaffiertem Bühnenbild und einer Geschichte, sind die der anderen reduzierte Versuchsanordnungen mit offenem Ausgang. Beide aber sind nicht nur Regisseurinnen, sondern schreiben auch ihre eigenen Texte und stehen selbst auf der Bühne. Ihre unterschiedlichen Herangehensweisen haben viel mit den verschiedenen Traditionen zu tun, in denen sie sich bewegen, ist die Theaterszene Belgiens doch nach Sprachen segregiert: „Wir als Wallonen sind frankophon“, erzählt Vandalem. „Wir gehören zu Frankreich, das eine starke Theatertradition hat und eine Sprache mit einer Geschichte. Diese Tradition und diese Geschichte haben ein Gewicht, das wir tragen müssen.“ Viele Wallonen würden Theater noch immer mit Schauspiel gleichsetzen, während die Flamen freier seien und mehr erfinden könnten. „Gewöhnlich sind die Szenen sehr getrennt“, stimmt Vanhee zu. „Die belgische Identität ist die Inklusion zweier Kulturen, die nicht so einfach zu verbinden sind. Man lebt immer mit einem anderen, den man nie vollständig verstehen wird.“ Während die flämische Szene in den letzten 15 Jahren eine starke politische Unterstützung erfuhr, die die Gründung von Kompanien ebenso ermöglichte wie Touring und Recherche, herrscht in der wallonischen Szene erst jetzt Aufbruchstimmung: „Die Ausbildung verändert sich, Schauspieler sollen auch Kreateure sein“, erzählt Ann-Cécile Vandalem.


Sowohl die bilderstarke Inszenierung Tristesses von Anne-Cécile Vandalem als auch die minimalistische Performance Oblivion von Sarah Vanhee werfen einen höchst kritischen Blick auf unsere Gegenwart: Vandalem erzählt die Geschichte eines fiktiven Dorfes, das in einer wirtschaftlichen Krise der Propaganda einer neuen Partei verfällt. Diese Propaganda basiert auf der Entstellung von Tatsachen, darauf, dass Realitäten geschaffen werden, indem man sie herbeiredet – indem beispielsweise Konflikte zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen beschworen werden, wie dies Vandalem in den vergangenen Jahren in den Reden von Politikern wie Nigel Farage, Marine Le Pen und Geert Wilders beobachtet hat: „All diese Populisten arbeiten mit der Angst. Sie geben Dinge vor, die die Realität auf eine bestimmte Weise konstruieren. Die Sprache, die sie benutzen, schafft eine neue Realität.“ Diesen Prozess verhandelt sie in ihrem Stück, in dem die ausgebildete Schauspielerin auch die Hauptrolle der Rechtspopulistin Martha Heiger spielt. Auf der Bühne steht bei ihr das Modell eines Dorfes, dessen Innenräume als Filmsets dienen, während das Theater auf dem öffentlichen Platz zwischen den Häusern stattfindet. Virtuos verwebt die Künstlerin beide Ebenen, Darstellungsweisen und Realitäten zu einem dunklen Traum über die Verführungskraft des Kontrafaktischen.


Die Bühne von Oblivion ist dagegen zunächst leer, um im Laufe des Abends mit immer mehr recht kleinen Dingen gefüllt zu werden. Ein Jahr lang hat Sarah Vanhee all ihren Müll gesammelt, gereinigt, in Kartons verwahrt und archiviert. In ihrer Solo-Performance nun packt sie ihn wieder aus und verwandelt diesen Prozess in eine Kontemplation über unsere Wegwerfgesellschaft, die vorgibt, stets nur nach vorn schauen zu können, in eine blitzsaubere Zukunft, während sich hinter ihr die Müllberge türmen. Vanhee interessieren in ihren künstlerischen Arbeiten stets die Dinge, die im Verborgenen liegen: „Eine Gesellschaft hat immer eine Schattenseite, und jemand hat Interesse daran, diese verborgen zu halten. Wir können viel lernen, wenn wir uns fragen, warum verborgen ist, was verborgen ist.“ In ihrer Performance widmet sie sich der Beziehung, die wir zu den Dingen unterhalten, und der permanenten Transformation vom Wertvollen zum Wertlosen, die diese durchläuft. „In den 1950er Jahren war eine gute Hausfrau eine, die nichts wegwarf“, so Vanhee. „Heute gilt als pathologisch, nichts wegzuwerfen.“

Während Sarah Vanhee so das gewöhnlich Verborgene im Scheinwerferlicht der Bühne neu arrangiert, lotet Anne-Cécile Vandalem die Untiefen des Sichtbaren aus. Beide erzählen von zutiefst irritierenden Transformationen, die unsere Gegenwart prägen – sei es nun die Verwandlung begehrter Gegenstände in wertlosen Abfall oder die Schaffung neuer Realitäten durch eine angsttreibende Rhetorik.

Tristesses läuft am 8. und 9. Juni um 19.00 Uhr im Schauspielhaus.

Oblivion läuft am 14. Juni um 21.00 Uhr und am 15. Juni um 19.30 Uhr im Ballhof Eins.



Esther Boldt arbeitet als Autorin, Tanz- und Theaterkritikerin für Zeitungen und Magazine wie die taz, nachtkritik.de, Theater heute und tanz Zeitschrift. Sie war zudem in verschiedenen Jurys tätig, u.a. beim Hörspiel des Jahres 2009, bei der Tanzplattform Deutschland 2014 und beim Else-Lasker-Schüler-Preis 2016. Foto: Harald Schröder 


Anne-Cécile Vandalem, geboren 1979 in Liège, absolvierte die Schauspielschule in Liège und arbeitete mit verschiedenen Theaterkollektiven und Filmregisseuren zusammen. Seit 2003 schreibt und inszeniert sie selbst, 2008 gründete sie Das Fräulein (Kompanie). Zu ihren ersten Stücken zählten Zaï Zaï Zaï Zaï (2003) und Hänsel und Gretel (2005), zwischen 2008 und 2013 entstand die Trilogy of Paranthesis. In ihren Arbeiten setzt Vandalem Innen- und Außenräume, Fiktion und Realität, Kino und Theater in eine spannungsreiche Beziehung. Konkrete Wohnsituationen werden für sie zum Sinnbild einer individuellen, familiären oder kollektiven Prägung und immer wieder stellt sie die Frage nach den Möglichkeiten, Dinge zu verändern. Tristesses feierte 2016 in Liège Premiere. Foto: Jean-Benoit Ugeux


Sarah Vanhee
Jahrgang 1980, ist Performerin und Autorin aus Flandern. Vanhees Stücke spielen oftmals an theaterfremden Orten – in privaten Wohnzimmern, Gefängnissen und Parks. In Hannover zeigt Vanhee mit Oblivion eine Bühnenarbeit, eine One-Woman-Show, die auf einem Selbstversuch fußt und Performance-Art und visuelle Kunst vereint. Vanhees Performances waren u a. zu sehen im De Appel Art Centre in Amsterdam, im Centre Pompidou Metz, beim Brüsseler Kunstenfestivaldesarts und beim Wiener Festival ImPulsTanz. Ihre Arbeiten wurden nominiert für den Ton Lutz Prijs 2007, Prix Jardin d’Europe 2010 und den VSCD Mimeprijs 2012. Vanhee ist Mitbegründerin des Künstlernetzwerks Manyone. Foto: Phile Deprez