Schuldfabrik


Julian Hetzel . Amsterdam . Niederlande

Die Schuldfabrik befindet sich in der Mitte der Burgpassage


Firmenrundgang zum modernen Ablasshandel

Ein durchdesignter Popup-Store in der Braunschweiger Innenstadt, dessen einziges Produkt Seife ist. Die Besonderheit: Die Seife wird aus Menschenfett gewonnen. Das Konzept: Wash the pain away! Mit dem Erwerb eines Stücks Seife können Sie sich von ihrer Schuld freikaufen, denn der Erlös geht an ein Brunnenbauprojekt in der Demokratischen Republik Kongo. Julian Hetzel macht in seiner Theaterarbeit „Schuld“ zu einem Rohstoff, der verarbeitet, produziert und objektiviert wird. In mehreren Stationen kommen die Besucher_innen mit verschiedenen Formen von Schuld in Berührung.  Doch trotz des verlockenden Angebots, sich freizukaufen, gibt es keinen Ausweg: Wer sich einmal als Teil der Schuldfabrik begreift, hat keine Entschuldigungen mehr.


Julian Hetzel nimmt beim Festival Theaterformen am Gespräch Weiße (Un)Schuld teil.

Schuldfabrik kann auch im Rahmen von In guter Gesellschaft am 15.06. mit Kyra Mevert und am 17.06. mit Marie Schäfer und Inka Dreßler besucht werden.

Konzept und Regie Julian Hetzel Dramaturgie Miguel Angel Melgares Produktionsleitung Jasper Hupkens Technische Leitung Vincent Beune Künstlerische Mitarbeit Liza Witte Peformance Hennie Spronk . Orion Maxted Anke Stedingk . Hannah Synycia . Marie-Delphine Rauhut . Majdal Maho . Mohammad Raihani . Miriam M’barek Maschinenkonstruktion Hannes Waldschütz Spezialeffekte Chaja Hertog Design Peim . Deimion van der Sloot Fotografie Ben and Martin Photography . Jenny Cremer Produktionsberatung Matthias Thünnerhoff Auftragswerk steirischer herbst Produktion ism & heit Koproduktion steirischer herbst . Noorderzon Festival Groningen . SPRING Festival Utrecht Kopräsentation NXTSTP . Unterstützt durch das Kulturprogramm der Europäischen Union Projektförderer Performing Arts Fund NL

 

Gefördert vom Fonds Podiumkunsten Performing Arts Fund NL


Ladenlokal . Burgpassage


MI 13. 06. – SO 17. 06.

13.06. - 15.06. 17:00 - 21:00 Uhr / 17:00 Uhr / 17:20 Uhr / 17:40 Uhr / 18:00 Uhr / 18:20 Uhr / 19:00 Uhr / 19:20 Uhr / 19:40 Uhr / 20:00 Uhr / 20:20 Uhr / 20:40 Uhr / 21:00 Uhr

16.06. - 17.06. 15:00 - 21:00 Uhr / 15:00 Uhr / 15:20 Uhr / 15:40 Uhr / 16:00 Uhr / 16:20 Uhr / 16:40 Uhr / 18:00 Uhr / 18:20 Uhr / 18:40 Uhr / 19:00 Uhr / 19:20 Uhr / 19:40 Uhr / 20:00 Uhr / 20:20 Uhr / 20:40 Uhr / 21:00 Uhr

Eintritt VVK 18 Euro . AK 20 Euro
Ermäßigt VVK 9 Euro . AK 10 Euro
Dauer 1h . keine Pause
Sprache Deutsch

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„ERLÖSUNG KÖNNEN WIR KEINE ANBIETEN"


In seinen Installationen und Performances übersetzt Julian Hetzel grundsätzliche Fragen in ebenso sinnliche wie verstörende Raumerfahrungen. Ein Gespr.ch mit Thomas Wolkinger über das Geben und Nehmen, über Schuld und Sühne und den modernen Ablasshandel.  

Skizzen: Julian Hetzel



Thomas Wolkinger: Im Rahmen Ihres Projekts „The Benefactor“ haben Sie vor fünf Jahren begonnen, einen Euro täglich an ein afrikanisches Waisenkind zu überweisen – Geld, das Sie ursprünglich für ein Kunstprojekt von Ihrer Ausbildungsstätte, DasArts in Amsterdam, bekommen hatten. War „The Benefactor“ auch als persönliches Sühneprojekt gedacht?

Julian Hetzel: Nein, in diesem Projekt ging es in erster Linie um Erfolg. Ziel war es, als Künstler erfolgreich zu werden. Ich habe einen recht simplen Zugang gewählt und für mich definiert, dass ich dann erfolgreich bin, wenn ich das tun kann, was ich will, wenn ich ein free agent bin, ein freier Mensch. Frei vom Müssen, hin zum Können. Alle Teilnehmer des Programms bekamen die Summe von 2.000 Euro als Geschenk – sozusagen mit dem Auftrag, es in den jeweiligen persönlichen Erfolg zu investieren. Auf der einen Seite war es also ein Geschenk, auf der anderen Seite ein Investment der Kunstschule.

Aber Sie hätten diese 2.000 Euro ja auch Ihrer Lebensgefährtin schenken können oder einem Verwandten. Warum einem Kind in Afrika?

Als wir das Geld geschenkt bekamen, wurden in den Niederlanden gerade Budgetkürzungen im Kultursektor diskutiert. Damals hat der niederländische Politiker Frits Bolkestein bei einer Großdemo gegen diese Budgetkürzungen Folgendes gesagt: Man solle doch nicht in der Kultur kürzen. Man solle das Kulturbudget sogar erhöhen – indem man in der Entwicklungshilfe streicht. Ich überlegte dann, wie ich dieses Statement umdrehen oder für bar nehmen könnte: Also habe ich Kulturmittel verwendet und in Entwicklungshilfe investiert. Ein Geschenk entfaltet sein volles Potenzial ja auch erst dann, wenn man es weitergibt, es teilt. Wenn mein Erfolg also auch der Erfolg von jemand anderem sein könnte und dazu wieder eine Feedback-Schleife zu mir zurück erzeugt.


Also haben Sie das Kind nicht nur beschenkt, sondern eigentlich ein Investment getätigt?  

Genau. Ich musste selber Investor werden, die gleiche Geste wiederholen, das Geschenk weitergeben. Dabei weiß ich ja gar nicht, ob es diese Person wirklich gibt. Ich bekomme Briefe, Fotos, Kinderzeichnungen zugeschickt, also wird es sie wohl wirklich geben …


Die Beziehung ist dann bloß „Kollateral-Nutzen“.  

Eine Kinderpatenschaft ist sicher nicht der zeitgenössischste oder sinnvollste Weg, sein Geld zu spenden. Wenn man kürzere Wege nimmt, nicht über Riesen-Organisationen, kommt das Geld wohl direkter an. Ich habe mir damals schon ganz gezielt „ein Gegenüber“ in Afrika gesucht. Sozusagen als schwächstes Glied in der Kette: ein Kind, weiblich, aus der Demokratischen Republik Kongo, dem Land, das im Human Development Index ganz unten rangiert. Damals war Kongo auf Platz 187, die Niederlande ungefähr auf Platz 10, Deutschland auf 4.

Wenn das Geld diesen Herbst aufgebraucht sein wird, wird es sich für Sie ausgezahlt haben. Wie schaut es für die andere Seite der Geschenksbeziehung aus?  

Eigentlich ist es ein Dreieck. Die Kunsthochschule DasArts samt dem Kulturministerium, das das Geld zur Verfügung gestellt hat, und dann ich, der wiederum in das Kind investiert hat, das ebenfalls profitiert. In der Hochschule sind sie unterdessen ein bisschen stolz auf den Künstler Julian Hetzel, den sie auch mitgeformt und promoted haben. Das Investment hat sich also definitiv gerechnet. Über das Mädchen andererseits mache ich keine Details öffentlich. Es geht weniger um eine Kritik am Charity-System, sondern darum, die Ethik des Erfolgs zu hinterfragen. Es ist mir durchaus ein Anliegen, auch einmal an diesen Ort zu fahren und nachzuforschen, sie zu besuchen. Das mache ich, wenn das ganze Geld rum ist.

Über ethischen Konsum oder ethisches Spenden lässt sich wohl ein wenig von der Schuld, die man spürt, abtragen. Aber wird man sie auch wirklich los?  

Man kommt mit einem ganzen Paket an Schuld auf die Welt. Und ich als weißer, männlicher deutscher Europäer, katholisch getauft, habe sicher das maximale Schuldpaket abbekommen. Über Konzepte wie: ethical trade, corporate social responsibility, ego shopping versucht man, sich von dieser Schuld freizukaufen. Das ist eine neue Form des Ablasshandels. Fair-Trade-Kaffee ist natürlich nicht an sich besser, schmeckt aber besser, weil man sich ja quasi in ein Wertesystem einkauft. Ich kaufe mir meine Seele sauber.

 

Walter Benjamin schrieb 1921 in seinem Fragment Kapitalismus als Religion, dass der Kapitalismus kein entsühnender, sondern ein verschuldender Kultus sei, einer, der Schuld „universalisiert“. Mit dem Ergebnis, dass am Ende das Sein zertrümmert sei.  

Schon begrifflich gibt es da einen Zusammenhang: Schuld als ökonomische und als moralische Abhängigkeit. Ein Politiker hier hat gesagt: In jedem Afrikaner steckt auch ein Businessman und wir müssen mit diesem Businessman auf Augenhöhe Handel treiben. Mich interessiert also die Frage, ob man Schuld nicht auch als Ressource begreifen kann. Kann ich sie handeln? Wovon kaufe ich mich in diesem Ablasshandel frei? Wenn alle sozialen Beziehungen kapitalisierbar sind, dann eben auch Schuld.

Wie soll denn das in Ihrem Projekt einer „Schuldfabrik“ funktionieren?  

In der Schuldfabrik verhandeln wir verschiedene Aspekte von Schuld – religiöse ebenso wie historische oder ökonomische. Ich gehe dabei von meinem eigenen Schuldpaket aus, zugleich soll die Schuldfabrik auch genug Raum für die Geschichten der Zuschauer lassen. Es gibt viele Wege rein, aber es gibt am Ende keinen Weg raus. Egal, was man macht, man ist irgendwie da drinnen gefangen. Auch wenn man sich die Seife kauft, die wir vor Ort im Shop verkaufen und die aus Fett produziert wird, das bei Schönheitsoperationen abfällt; auch wenn man sich die Hände damit wäscht oder auch nicht – man ist in dieser Setzung gefangen.

Kunstprojekten, die sich stark an der Realität aufhängen – Christoph Schlingensiefs Container-Projekt Ausländer raus! zum Beispiel oder „Flüchtlinge fressen“ des Zentrums für Politische Schönheit – wird oft Zynismus vorgeworfen. In Ihrem Projekt wird für jedes Stück verkaufter Wohlstandsfett-Seife ein zweites Stück in ein afrikanisches Dorf verschickt. Ist das zynisch?  

Für mich ist Zynismus kein zwingend negativer Begriff. Ich denke, er beinhaltet eine Scharfkantigkeit und vielleicht auch ein bisschen eine Wut, die da mitverhandelt wird, die auch notwendig ist in einer Zeit, in der viele Menschen Angst haben und überreagieren. Die Projekte von Schlingensief oder des Zentrums für Politische Schönheit suchen alle nach einer Reaktion, einer Art Konfrontation. Es ist mir schon ein Anliegen, Arbeiten zu machen, die als Hindernis, als Störung wirken und zum Nachdenken zwingen. Andererseits hat die Schuldfabrik eine zweite Seite: Denn wir spenden nicht nur ein Stück für jede Seife, die gekauft wird, sondern finanzieren mit dem Verlaufserlös auch ein Brunnenprojekt in derselben afrikanischen Community. Es geht also um Geben und Nehmen. Und das Projekt verweist dabei auf relevante aktuelle Problemsituationen, ist also mehr als bloß egozentrischer, zynischer oder schwarzer Humor.


Sie haben die „Schuldfabrik“ in einem Text als „Metamorphosen-Fabrik“ bezeichnet. Ist das so ähnlich zu verstehen wie Theater als „therapeutische Anstalt“?  

Ich glaube, wir können da keine Läuterung anbieten. Keine Katharsis. Auch keine Erlösung. Zumal die Religion mit ihrem Erlösungsversprechen ebenso gescheitert ist wie die Heilsversprechen von Konsum oder Technik. Es geht viel eher darum, Fragen zu erzeugen, als klare Antworten zu geben.


Gekürzte Fassung eines Gesprächs aus „herbst. Theorie zur Praxis“, dem Magazin zum steirischen herbst 2016.  

Julian Hetzel arbeitet als Musiker und visueller Künstler. Im Dreieck von Theater, Musik und Medien entwickelt Hetzel Arbeiten, die eine politische Dimension und einen dokumentarischen Ansatz verfolgen. Hetzel hat an der Bauhaus-Universität Weimar audiovisuelle Kommunikation studiert. 2013 schloss er DasArts, ein künstlerisches Forschungslabor für neue Theaterformen und Performancekunst in Amsterdam, mit dem Master of Theatre ab. Seine Arbeiten werden international produziert und präsentiert. Im Jahr 2015 war er bereits beim Festival Theaterformen zu Gast. „STILL (The Economy of Waiting)“ war auf dem hannoverschen Opernplatz zu sehen.  

Thomas Wolkinger lehrt Journalismus an der FH JOANNEUM in Graz und ist Redakteur von „herbst. Theorie zur Praxis“.