Sylphidarium. Maria Taglioni on the Ground


Francesca Pennini . CollettivO CineticO . Ferrara . Italien

Demontiertes Ballett in Hochglanz-Ästhetik

Acht hochathletische junge Menschen erzählen die tragische Geschichte des Balletts La Sylphide so unsentimental es nur geht. Gnadenlos cool flanieren sie, oft nur leicht bekleidet, über die Bühne und werfen sich vor dem blütenweißen Hintergrund in Pose. Dabei geben sie mal die Sylphide, das feenartige Fabelwesen, mal den in die Sylphide verliebten Bräutigam, mal die verlassene Braut, Geschlechtertausch inklusive. Mit ihren perfekt durchtrainierten Körpern tragen sie den Kampf aus zwischen der erdverbundenen Welt der Menschen und der luftig-leichten Welt der Geister. Die Choreografin Francesca Pennini seziert die Balletttradition nach allen Regeln der Kunst: mit Live-Musik, die den Adrenalinspiegel hochtreibt, einem selbstironischen Blick auf Hipness und Körperkult und über hundert extravaganten Kostümen. 

Konspirativer Auftrag: Um während der Vorstellung an einer geheimen Aktion teilzunehmen, schreiben Sie bitte eine Mail an:

sylphidarium@theaterformen.de

CollettivO CineticO

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Regie . Choreografie Francesca Pennini Musik . Live-Electronics Francesco Antonioni Mit Simone Arganini . Margherita Elliot . Carolina Fanti . Carmine Parise . Angelo Pedroni . Francesca Pennini . Stefano Sardi . Vilma Trevisan Violine Marlène Prodigo Percussions Flavio Tanzi Lichtdesign . Bühne Fabio Sajiz Koproduktion CollettivO CineticO . Théâtre de Liège . Torinodanza Festival . Festival MITO . CANGO – Cantieri Goldonetta Firenze


Schauspielhaus


16.06. - 17.06. 19:00 Uhr

Eintritt VVK 24 / 18 Euro . AK 26 / 20 Euro
Ermäßigt VVK 12 / 9 Euro . AK 13 / 10 Euro
Einführung 16.06. 18:30 Uhr . Theatermuseum
Warm-up 17.06. 18:00 Uhr . Schauspielhaus
Dauer 1h30 . keine Pause
Sprache Deutsch

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Die Schlacht im Inneren des Körpers

Francesca Pennini über Sylphidarium

Beginnen wir mit Deiner Compagnie CollettivO CineticO. Seit wann arbeitet Ihr zusammen, und wie hat sich Eure Arbeit über die letzten Jahre entwickelt?

Die Compagnie wurde 2007 gegründet, zunächst nicht als feste Struktur, sondern als lockerer Arbeitszusammenhang. Zum Kollektiv gehören über 50 Künstlerinnen und Künstler. Bei unserem Namen CollettivO CineticO (kinetisch = beweglich, sich auf Bewegung beziehend) geht es nicht nur um die Bewegung des Körpers oder um die performativen flüchtigen Ereignisse, denen die Bewegung bereits innewohnt, sondern auch um die ständige Wandelbarkeit der Compagnie und der Rollen, die wir in ihr einnehmen.

Dabei ergeben sich die für uns richtungsweisenden Arbeiten häufig durch Einflüsse von außen, sie entstehen aus zufälligen Begegnungen außerhalb der Tanz- und Theaterwelt. Dieses Ungeplante, Wildwüchsige trägt wesentlich zu neuen Ausdrucksformen bei. So lasen wir unterschiedliche Standpunkte in einen Dialog treten und organisieren die Anarchie der Körper und der künstlerischen Herangehensweisen.

Die Produktion, die Du bei Theaterformen zeigen wirst, heißt Sylphidarium. Maria Taglioni on the ground. Was ist eine Sylphide? Wer ist Maria Taglioni?

Die Sylphiden sind Fabelwesen der germanischen Mythologie, hauchzarte Geister der Luft, die im Wind leben. 1832 schuf der Choreograf Filippo Taglioni das Ballett La Sylphide auf Grundlage des eigentümlich schwerelosen Tanzstils seiner Tochter, der Ballerina Maria Taglioni (siehe Infokasten). Mit dem gleichen Wort bezeichnet man übrigens auch bestimmte Insekten, die Tierkadaver besiedeln und daher bei Obduktionen aufschlussreich sein können.

Mit unserem Stück Sylphidarium versuchen wir die Ballett-Tradition aufzubrechen, sie zu sezieren, es geht um die Verwandlungsfähigkeit des Körpers, der einerseits die choreografischen Regeln aufstellt, sich ihnen gleichzeitig aber unterwerfen muss. Hilfreich war für uns die Vorstellung, dass der Körper der Ballerina genetisch manipuliert wird, dass sie halb Insekt und halb Mensch ist. 


Auf der Bühne sind neben einem dreiköpfigen Musikensemble acht Performerinnen und Performer, Dich mit eingeschlossen – extrem athletische Körper, die im Laufe des Stücks über hundertmal das Kostüm wechseln. Wieso dieser ständige Wechsel?

Um zu unterscheiden zwischen Figuren und Personen, zwischen Rollen und Performern. Dramaturgisch gesehen gleiten die Figuren von einem Performer zum anderen, Figur und Performer decken sich nie zur Gänze. Maria Taglioni und die Sylphide sind voneinander getrennte Einheiten, wie (der Performer) Angelo und (die Rolle) James, (die Performerin) Margherita und (die Rolle) Madge oder (die Performerin) Vilma und (die Rolle) Effie. Jede Rolle hat ihre eigenen Merkmale, die in zig Varianten aufgeführt werden und über die der Zuschauer sie identifizieren kann. Es ist ein Spiel für das Publikum, bei dem es um die Frage geht, wer die meisten Rollen erkennt.

Die Geschichte des Balletts La Sylphide ist unter anderem eine Schlacht der Elemente. Sie handelt von der Unmöglichkeit, das ätherische, geisterhafte Wesen der Sylphiden mit der schweren, erdgebundenen Existenz des Menschen zu vereinigen. Trotzdem sieht Euer Bühnenbild kein Stück nach Schlachtfeld aus. Wo findet die Schlacht bei Euch statt?

Die Schlacht wird im Inneren des Körpers ausgetragen. Sie wird dort ausgefochten, wo die physische Materie an ihre Grenzen stößt und sich verwandelt. Das Streben nach einem luftigen, vergeistigten Zustand, das die Welt der Sylphide von der Welt der Menschen trennt, wird bei uns dargestellt als die Umwandlung von Flüssigkeit in Gas, als ein Verdampfen. Unsere Sylphiden sterben vor Erschöpfung, verflüssigen sich im Schweiß. Die Gruppenchoreografie des letzten Akts, der Elemente aus dem abstrakten Ballett Michel Fokines Les Sylphides von 1902 aufnimmt (siehe Infokasten), ist reine, zur Erschöpfung führende, grausame Bewegung. Ein Selbstmord der Tänzer, eine Aerobic-Schlacht, bei der sich die Waffe gegen den eigenen Körper richtet und ihn zur Verwandlung zwingt, ihn auslöscht. Eine freiwillige Mühsal, vergnügt auf sich genommen und ausgekostet. Ein freudiges Opfer.

Francesco Antonionis Musik wurde eigens für Sylphidarium geschrieben. Wie hast Du mit dem Komponisten zusammengearbeitet?

Es war unsere erste Zusammenarbeit, und ich bin mit dem Ergebnis äußerst zufrieden.

Die Choreografie des ersten und zweiten Aktes ist vor der Musik entstanden. Die rhythmische Struktur des Tanzes wurde zu einer Art Notenblatt, auf dem Antonioni seine Musik komponierte, worauf wir dann wiederum reagierten. Beim letzten Akt war es umgekehrt: Die Musik wurde zuerst geschrieben und verlieh dem Akt frühzeitig eine starke Identität. Da sie aber auch als Letztes fertiggestellt wurde, vereint sie in sich alle Gedanken der Produktion.

Ich finde, Antonionis Komposition bleibt bei aller musikalischen Komplexität immer lebendig und unterhaltsam. Die klangliche Farbpalette ist extrem reich und variabel, sie wechselt manchmal drastisch das Register, stürzt sich in verschiedene musikalische Welten, ohne den Zusammenhalt aus dem Auge zu verlieren. Das steckt an.

Aus dem Italienischen von Andreas Eberhard. Die Fragen stellte Martine Dennewald.

Sylphidarium läuft am 16. und 17. Juni im Schauspielhaus 


La Sylphide
gilt als das älteste romantische Ballett. Die Urfassung von 1832 schuf der italienische Tänzer und Choreograf Filippo Taglioni für seine Tochter Maria. Mit ihrem graziösen, schwerelosen Tanz setzte sie den Maßstab für eine ganze Epoche und legte den Grundstein für den heutigen Spitzentanz. Das Stück schuf die Urform der schwebenden Schwanenmädchen, Bayadèren und anderen in Weiß gekleideten Frauengestalten, die bis heute für das klassische Ballett stehen. Die Sylphide ist ein ätherisches Wesen, ein Kind der Luft und des Waldes. Das Ballett La Sylphide erzählt die Geschichte des Bauernjungen James, der am Vorabend seiner Hochzeit mit Effie dem Zauber der Sylphide erliegt. Sein Versuch, sie in der irdischen Welt zu besitzen, zerstört seine Zukunft und wird ihr zum tödlichen Verhängnis.

Les Sylphides
ist ein abstraktes, nicht narratives Ballet blanc. Die Originalchoreografie von Les Sylphides aus dem Jahr 1902 stammt von dem russisch-amerikanischen Tänzer und Choreografen Michel Fokine, der zur musikalischen Begleitung seiner Arbeit Klavierstückevon Frédéric Chopin auswählte. Les Sylphides hat kein Libretto, es setzt sich zusammen aus verschiedenen Gruppenund
Solotänzen der weiß gekleideten Sylphiden und einem als Poet oder jungem Mann bezeichneten Tänzer. Das Werk von Fokine wurde mehrfach bearbeitet, weshalb sich die Premiere nicht genau datieren lässt. Meist wird der 2. Juni 1909 angegeben, das Datum der Uraufführung im Théâtre du Châtelet Paris.



Francesca Pennini,
geboren 1984 in Ferrara, studierte an der Ballettschule BalettO di ToscanA in Florenz sowie am Laban Dance Centre in London und experimentierte mit verschiedenen (tänzerischen) Disziplinen, vom japanischen Tanz Butoh über Freediving bis hin zu unterschiedlichen Kampfkünsten und Wettbewerben im Disko-Dance. Bevor Pennini 2007 CollettivO CineticO gründete, arbeitete sie als Tänzerin für die Compagnie Sasha Waltz & Guests. In ihren Arbeiten spielt Pennini mit den Möglichkeiten und Grenzen performativer Events und beschäftigt sich mit Geschlechterrollen, der Unterschiedlichkeit von Körpern und Räumen sowie der Beziehung zwischen Performern und Zuschauern. Foto: Daniele Zapp

CollettivO CineticO
ist eine experimentelle Performancegruppe, die 2007 von der Choreografin Francesca Pennini als offenes Künstlerkollektiv gegründet wurde. Zur Gruppe gehören mehr als 50 Künstlerinnen und Künstler unterschiedlicher Disziplinen. Die Arbeiten des Kollektivs bewegen sich an der Grenze von darstellender und bildender Kunst und hinterfragen Mechanismen und Regeln des performativen Events. CollettivO CineticO arbeitet am Teatro Comunale di Ferrara und realisierte bisher 37 Arbeiten für die es mit zahlreiche nationalen wie internationalen Preisen ausgezeichnet wurde.

La battaglia dentro di sé

Francesca Pennini sul Sylphidarium

Iniziamo dalla vostra compagnia, CollectivO CineticO. Da quanto tempo lavorate insieme e come si è evoluto il vostro lavoro negli ultimi anni?

La compagnia esiste dal 2007 ed è nata come struttura aperta, attraversabile. Il nome CollettivO “CineticO” ( = kinetic, mobile, relativo al movimento) rimanda infatti non solo all’attenzione al movimento del corpo e alla natura mobile degli eventi performativi in quanto effimeri, ma anche alla costante mutabilità della compagnia e dei ruoli che si assumono all’interno di essa.

I “cinetici” (artisti del collettivo cinetico) sono oltre 50, ma si lavora quotidianamente con l’intero gruppo, è una dimensione a cui si appartiene anche a distanza. Spesso le collaborazioni più importanti e rivoluzionarie sono nate da incontri accidentali con persone al di fuori del mondo teatrale o coreografico. E’ una dimensione selvaggia che ha contribuito allo sviluppo di nuovi terreni linguistici, é un sistema di orchestrazione del disordine che permette di far dialogare la differenza e organizzare l’anarchia dei corpi e delle prassi teatrali.

A dieci anni di vita della compagnia le principali linee di ricerca che riconoscono sono l’interesse sui luoghi altri (ad esempio il progetto decennale “C/o” sulle eterotopie Foucaultiane), il pensiero sulla scrittura in rapporto al movimento (anche intesa come immagine, grafica, fotografica, partitura…) e la gestione del formato performativo soprattutto in relazione al ruolo dello spettatore. Giochi, dispositivi interattivi, formati aleatori, spettacoli partecipati e irripetibili identificano linee di indagine ma anche territori adrenalinici in cui la performance viene a tutti gli effetti sfidata, giocata. 

La produzione che presentate al festival si chiama “Sylphidarium. Maria Taglioni on the ground”. Che cos’è una silfide, chi è Maria Taglioni e che relazione c’è con il vostro lavoro? 

Le silfidi sono creature fantastiche della mitologia germanica, geni dell’aria impalpabili che vivono nel vento. Con la stessa parola si identificano anche un particolare tipo di insetti che vivono nelle carcasse e vengono utilizzati dalla scientifica per le autopsie. Il coreografo Filippo Taglioni crea il balletto “La Sylphide” sulla fisicità peculiare della figlia, la ballerina Maria Taglioni. Sylphidarium si muove tra l’autopsia della tradizione ballettistica e la mutazione del corpo che influenza il codice coreografico ed al contempo è plasmato anatomicamente da esso. Abbiamo giocato con l’idea che il corpo della ballerina fosse geneticamente modificato, mezzo insetto e mezzo umano. 

Il cast si compone di 8 artisti, lei compresa – fisici molto atletici che nell’arco di un’ora cambiano più di 100 costumi diversi. Come mai questa continua metamorfosi? 

Per mantenere separati i personaggi dalle persone, i ruoli dai performer. A livello drammaturgico i protagonisti della narrazione scivolano così da un performer all’altro senza coincidere mai. Maria Taglioni e la silfide sono due entità separate, come Angelo e James, Margherita e Madge o Vilma ed Effie…
Per moltiplicare ciascun ruolo in decine di declinazioni alternative in modo da identificarlo per i suoi elementi riconoscibili, astraendone i principi comuni.
Per giocare con gli spettatori a riconoscere gli esemplari.
Per trasformare un documentario sugli insetti in una sfilata di moda. 

La storia de “La Sylphide” è, tra le altre cose, una lotta tra gli elementi – parla dell’impossibilità di conciliare l’esistenza effimera, quasi volatile della silfide con l’esistenza umana legata alla terra. Tuttavia la scena non assomiglia affatto ad un campo di battaglia. Dove si disputa il combattimento? 

La battaglia è qui interna a ciascun corpo. E’ combattuta nel passaggio di stato della materia fisica che cerca i suoi limiti. Quella tensione all’aereo come spirituale che separa il mondo della Silfida da quello degli umani è qui sublimazione in uno stato gassoso, evaporazione. Le Silfidi muoiono di fatica, si liquefanno nel sudore, la danza pura dell’ultimo atto (che riprende Les Sylphides di Fokine, primo balletto astratto) è brutalmente puro movimento. Un suicidio in cui la danza, trasformata in una battaglia aerobica, è l’arma con cui i corpi mutano, si spendono. Uno sforzo volontario, divertito, gustato, un sacrificio goduto. 

La musica di Francesco Antonioni è stata scritta appositamente per “Sylphidarium”. Come avete collaborato lei con il compositore? 

E’ stata la nostra prima collaborazione e ne sono estremamente soddisfatta. Un processo davvero interessante e nutriente che si è sviluppato come continuo passaggio di palla da uno all’altro.

Il primo e il secondo atto dello spettacolo sono nati prima della musica, mantenendo la struttura ritmica ancora malleabile e diventando una sorta di spartito visivo su cui comporre e a cui reagire una volta composto, raggiungendo la forma finale solo dopo una serie di reciproci stimoli. Per l’ultimo atto invece è stato il contrario, secondo una prassi più tradizionale: la musica è stata una delle prime ad essere composte, imprimendo già una forte identità, ma delle ultime ad essere finite, abbracciando l’intero pensiero del lavoro.

Credo che la sua composizione abbia il pregio raro di mantenere una forte energia e godibilità nonostante la complessità compositiva, che sia una tavolozza sonora estremamente ricca e variabile in grado di cambiare registro drasticamente, di mescolarsi ai mondi musicali più disparati senza paura e senza perdere coerenza. Ed è contagiosa… 

Ha qualche idea su quale sarà il vostro prossimo progetto? 

Il prossimo progetto sarà un lavoro in collaborazione con degli artisti di circo contemporaneo e rifletterà sulla connessione di tradizioni antiche appartenenti a culture geograficamente distanti. Lavoreremo sulla medicina tradizionale cinese in relazione agli affreschi rinascimentali dei mesi, nel Palazzo Schifanoia di Ferrara.

Sono dimensioni simbolicamente e iconograficamente ricchissime, con una complessità stratificata e un lavoro sul corpo estremamente peculiare. Lo stiamo sviluppando in tappe site specific autonome in luoghi molto particolari (campi da baseball, cantine, prigioni…) ciascuna legata a un punto tubo dello shiatsu e si concluderà con la pièce teatrale nell’autunno 2017 al Teatro Comunale di Ferrara e il seguente tour. 

Domande di Martine Dennewald, traduzione in italiano a cura di Bochert Translations (Beate Simeone-Beelitz)