THE OCEAN WILL ALWAYS TRY TO PULL YOU IN


Ogutu Muraya . Nairobi . Kenia

Dichtung und Wahrheit über die Insel Ndzuwani

Um einer wenig bekannten Migrationskrise, die in den 1990er-Jahren begann und bis heute andauert, nachzuforschen, reist der Theatermacher und Geschichtenerzähler Ogutu Muraya auf die Insel Ndzuwani nördlich von Madagaskar. Im Laufe der Jahre starben schätzungsweise 50.000 Migrant*innen bei ihrem Versuch, Ndzuwani Nachbarinsel Mayotte, die zu Frankreich und somit zur EU gehört, zu erreichen. Auf der Suche nach den unmenschlichen Auswirkungen eines politischen Systems stößt Ogutu Muraya auf Unerwartetes: auf die zerstörerische Kraft des tropischen Wirbelsturms Belna, ein geologisches Rätsel, das die Insel mit dem vorjurassischen Superkontinent Gondwana in Verbindung bringt, und auf ein lebendes Fossil – den 66 Millionen Jahre alten, angeblich ausgestorbenen Quastenflosser, von dem 1938 ein lebendes Exemplar gefangen wurde. Ogutu Muraya spinnt die Fäden der Geschichten, die er gesammelt hat, fort und kann bald selbst nicht mehr sagen, welche wahr und welche erfunden sind. Eines weiß er jedoch sicher: dass der Ozean gefräßig ist und nichts seinem geduldigen Nagen entgeht.

Auf Basis des Stücktextes, den er für die Theaterfassung geschrieben hatte, entwirft Ogutu Muraya für die Festival-Sonderausgabe A Sea Of Islands eine Videoarbeit.

Online-Gespräch The One Thing That Helped
Mit Ogutu Muraya und Martine Dennewald
DO 02.07.
19.30 Uhr

Um an den Live-Gesprächen teilzunehmen, ist eine Anmeldung erforderlich. Schicken Sie uns dazu bitte eine Mail an talks@theaterformen.de Mit unserer Antwort erhalten Sie Zugangs-Links zu den Gesprächen, die auf der Plattform Zoom stattfinden. Eine Anleitung für Zoom finden Sie auf unserer Homepage unter diesem Link: Zoom Tutorial

Video anschauen

Konzept . Regie . Text Ogutu Muraya Sounddesign Luigi MK  Illustration Lucia Marneanu Videoschnitt Radu Bogdan Dramaturgie Leila Anderson Regieassistenz Esther Kamba Produktionsleitung Caroline Froelich Übersetzung Bettina Ihde Unterstützung Recherche Zürcher Theater Spektakel

Gefördert durch das Goethe-Institut


Online


02.07. 19:00 Uhr . verfügbar bis 04.07. 24.00 Uhr

Eintritt frei
Dauer ca. 30min
Sprache Englisch mit deutschen und englischen Untertiteln

Die Suche nach der Befreiung meiner Fantasie

von Ogutu Muraya

Im Sommer 2019 entschied sich Ogutu Muraya, seine Aufenthaltsgenehmigung für den Schengen-Raum nicht zu verlängern. Er verließ Amsterdam, wo er bisher gelebt hatte, und ging nach Nairobi. Im Juni 2018 war er noch mit zwei Stücken zum Festival Theaterformen gereist. Zum Münchner Spielart Festival, das ihn im Herbst 2019 eingeladen hatte, schickte er anstelle seiner den in Brüssel lebenden Performer Quinsy Gario. In seiner Begründung schrieb Muraya damals, dass es für ihn schwierig geworden sei, den immer wiederkehrenden Prozess der Existenzrechtfertigung zu durchlaufen, um eine zeitlich begrenzte Genehmigung von einem unbestreitbar diskriminierenden System zu erhalten – einem System, dessen Filter und Tendenzen unverhältnismäßig oft People of Colour angreife. Anfänglich von seinem Boykott überzeugt, schlichen sich im Laufe der letzten Monate mehr und mehr Zweifel in Murayas Entscheidung, die er mit dem folgenden Text Revue passieren lässt.

An jenem Abend Ende Juni 2019 saß ich, geschützt vor einem Orkan, an einem komplett mit Papieren bedeckten Esstisch. Das Hausboot an der Grenze zwischen Amsterdam und Badhoevedorp wurde immer heftiger von Wind und Starkregen geschüttelt. Das war der Moment, in dem es mir reichte. Diese Unterlagen gehörten zu einem Spiel, in dem regelmäßig von mir verlangt wurde, meinen Wert, die Qualität meines Beitrags, meinen Vermögensstatus nachzuweisen und meine gute Führung zu bestätigen – kurz, ich musste beweisen, dass ich keine Belastung, sondern dass mein Aufenthalt produktiv und zeitlich begrenzt war. Solange ich mitspielte, Folge leistete und diesen Forderungen entsprach, hatte ich Anspruch auf soziale Mobilität in Form einer Plastikkarte, vermittels der ich mich innerhalb der Festung Europa frei bewegen konnte. Es reichte mir, weil ich meinen Wert nicht länger beweisen wollte. Es reichte mir, weil ich zugelassen hatte, dass dieses Spiel meine Fantasie in Beschlag nahm. Es reichte mir, weil ich zugelassen hatte, dass dieses Spiel eine ordentliche Wut, Ablehnung und Verachtung meinem neuen Status gegenüber hervorgerufen hatte. Dort an jenem Esstisch beschloss ich, keine weitere Verlängerung meiner niederländischen Aufenthaltserlaubnis zu beantragen, sondern nach Nairobi zurückzukehren. An jenem Tisch flüsterte mir eine leise Stimme zu: Schlaf nochmal drüber, und wenn du morgen genauso denkst, dann weißt du, was zu tun ist.

Ich blieb bei meiner Entscheidung, obschon meine Überzeugung wankte. Bei diesem ganzen Vorgang, das Schengen-System zu verlassen, machte ich jedoch einen Fehler. Ich verkündete, dass meine Entscheidung ein politischer Boykott sei. Ein Fehler, denn es war keine politische, sondern eine spirituelle Entscheidung. Ich verließ Europa, weil meine Vorstellungskraft schal geworden war. Meine Erwartungen waren zu bitteren, blauen Ruinen verkommen. Meine Fähigkeit zu träumen kam mir zusehends abhanden. Die Zukunft war nicht mehr eine Vielzahl von Möglichkeiten, sondern nur noch eng und flach. Mir war dort unablässig bewusst, dass mein Denken in einem dichten Gestrüpp mit dicken, langen Dornen verfangen war. Ich steckte fest, verhakt in einem Schlehdornbusch, um mich herum seine zwei- und dreifaltigen Blüten, gefangen und aufgespießt auf seinen steifen, ausgreifenden Ästen. In diesem Schwebezustand hatte ich das überwältigende Bedürfnis, meine Fantasie freizusetzen. Mein Denken zu befreien vom unablässigen Grübeln darüber und Formulieren dessen, was nicht stimmte. Ich war der Bilder überdrüssig, die mir wie ein Spiegel vorgehalten wurden: strukturelle Ungleichheit, generationsübergreifendes Trauma, historische Ungerechtigkeit. Es musste doch andere Muster, Abfolgen und Kombinationen geben, die mich nicht fortwährend als Opfer darstellten.

Mit diesem Entschluss wollte ich mich allmählich aus einer Dunkelheit befreien, gebildet aus zwei der bestechendsten Hypothesen des Teufels: Nihilismus – wenn nichts von Bedeutung ist, wieso sollte man überhaupt etwas tun, und Suizid – wenn sich die Mühe nicht lohnt, irgendetwas zu tun, wieso dann weiterleben? Die Muster, Abfolgen und Kombinationen, die ich während der fünf Jahre meines Lebens, Studiums und meiner Arbeit in Europa übernommen hatte, hatten mich in eine hakelige, verfahrene und unfreie Lage gebracht, in der ich unmöglich zur guten afrikanischen Diaspora gehören konnte, das hieß: dem System entsprechen, doppelt so viel arbeiten und zur Freude meiner nächsten Verwandten Geld schicken. Stattdessen zog ich mich zurück, wurde nachtragend, ängstlich und depressiv. Es war ein Fehler, meine Entscheidung als politischen Boykott zu bezeichnen. Auch wenn ich mir weismachen konnte, dass politische Gründe dahinterstanden: Mir war klar, dass die Entscheidung allein mich betraf, eine autonome Handlung gegen zunehmende strukturelle Ungleichheit. Ein solcher Boykott hatte keine erkennbaren Auswirkungen über meine persönliche Realität hinaus, nicht nur war er anmaßend, in seine Logik war auch das Scheitern bereits eingeschrieben.

Um diesen Fehler, der mich als Rebellen dastehen ließ, zu rechtfertigen und um die Konfrontation mit meinem Geisteszustand zu vermeiden, befasste ich mich mit der Inselgruppe der Komoren, mit der Absicht, die Migrationskrise in nicht-europäischem Zusammenhang zu untersuchen. Auch wenn ich anfänglich von der Ernsthaftigkeit meiner Absichten überzeugt war, erkannte ich bei meiner Ankunft auf den Komoren Mitte Dezember 2019 ihre Fragwürdigkeit. Meine Recherchen dort hinsichtlich der Fakten der politischen Lage waren oberflächlich, substanzlos, schlichtweg dünn. Mit der Behauptung, in zwei Wochen auf den Komoren so viel über die vielschichtige, komplexe Migrationskrise zu erfahren, dass ich ernsthaft darüber sprechen könnte, hatte ich mir offensichtlich selbst etwas vorgemacht. Ich würde mir wirklich sehr wünschen, dass es in meinem Projekt The Ocean is Always Trying to Pull You In um die Komoren ginge; wenn ich ehrlich bin, geht es aber nicht um die Komoren. Die Inseln bilden lediglich den Hintergrund, vor dem ich meine eigene Geschichte erzähle. Eigentlich geht es um mich, um meine Kämpfe und meine Desillusion. Ich bin es, der mit unzweideutiger Mission das Reich von Fantasy und magischem Realismus bereist: um meine Fantasie zu befreien.

Ich würde das Prinzip „Visum bei Ankunft“ als Grundrecht für alle vorziehen, nicht als Privileg für wenige; aber globale Praktiken, die vor meiner Geburt in Kraft gesetzt wurden, liegen außerhalb meiner Kontrolle. Ich würde es vorziehen, wenn strukturelle und systemische Ungleichheiten aus der Welt geschafft würden, aber das bloße Wissen um ein derart komplexes Problem lässt das Problem nicht verschwinden. Ich würde es vorziehen, wenn es die Kolonisierung nie gegeben hätte, es hat sie aber gegeben, und ich kann die Vergangenheit nicht ungeschehen machen. Ich kann lediglich aktiv meinen Verstand einsetzen, um dem lähmenden Opferbewusstsein, welches diese tragische Geschichte hervorruft, zu entkommen und in eine Ökologie des Bewusstseins zu gelangen, die Heilung, Achtsamkeit und ein tiefes Verständnis der fundamentalen Untrennbarkeit aller Lebensformen befördert. Ich weiß, was mir lieber wäre, aber ich muss auch den Mut aufbringen, zu erkennen, wie die Dinge tatsächlich liegen. Im Moment sehe ich keinen anderen Ausweg als die Fantasie – dies ist keine politische, sondern eine spirituelle Reise mit der befristeten Hoffnung, dass ich in diesem Rahmen die Dinge neu ordnen kann. Die Reise zu den Komoren hatte vielleicht mit der Suche nach systemischer Grausamkeit begonnen, aber dann wurde daraus etwas Mystisches. Die zwei Wochen auf der Reise von Nairobi nach Moroni, nach Mutsamudu, nach Sima, Bimbini, Mremani, Domoney, Dzialandee, Tsembehou, nach Moya und zurück nach Nairobi gerieten zu Etappen des epischen Versuchs, mit einem Sinn fürs Staunen die Verbindung zur Fantasie wiederherzustellen. Wie Rebecca Elson gesagt hätte – „meine Verantwortung zu staunen“ bereitwillig anzunehmen.

Foto: Diana Blok


Ogutu Muraya ist Schriftsteller, Geschichtenerzähler und Theatermacher. Er studierte Internationale Beziehungen am USIU-Africa und machte seinen Master an der Amsterdam University of the Arts – DAS Theatre. 2018 war Ogutu Muraya bereits mit den Stücken „Because I Always Feel Like Running” und „Fractured Memories” beim Festival Theaterformen in Braunschweig zu Gast. „The Ocean Will Always Try to Pull You In“, seine neueste Arbeit für die er auf die Komoren im Indischen Ozean reiste, um einer verdrängten Migrationskrise auf den Grund zu gehen, präsentiert
Ogutu Muraya für die Sonderausgabe A Sea Of Islands in Form einer Videoarbeit.