Tristesses


Anne-Cécile Vandalem . Brüssel . Belgien

Theaterkrimi über persönliche und politische Verzweiflung

Mit großem Ensemble, Live-Video, eigens für das Stück komponierter Musik und reichlich schwarzem Humor erzählt die belgische Regisseurin, Schauspielerin und Autorin Anne-Cécile Vandalem vom Aufstieg einer fiktiven rechtsextremen Partei: Die acht verbliebenen Bewohner_innen der dänischen Insel Tristesses ringen in ihren grünlich-grauen Häusern und ihrer wirtschaftlichen Misere verzweifelt um Gemeinschaft. Gelähmt von familiären und politischen Verstrickungen werden sie Teil des perfiden wie brutalen Spiels um die Macht und zu Opfern und Mittäter_innen des rechten Aufschwungs zugleich: Mord als politische Strategie wird denkbar. Mit Parallelen zu vergangenen und gegenwärtigen faschistischen Bewegungen untersucht Vandalem in Tristesses die gesellschaftlichen Bedingungen und Grenzen individuellen und kollektiven Handelns. Filmprojektionen eröffnen einen Blick in das Innere der Häuser und der Figuren, während sich die Toten in der Bühnenmusik Gehör verschaffen.

„Eine derartig furchtlose Genremischung hat es vermutlich auf einer deutschen Bühne noch nie gegeben: ein Politkrimi, ein Schauerstück mit wandelnden Toten, eine schwarze Komödie.“ nachtkritik.de

Das Fräulein (Kompanie)

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Konzept . Text . Realisation Anne-Cécile Vandalem Musikalische Leitung Vincent Cahay . Pierre Kissling Mit Vincent Cahay . Anne-Pascale Clairembourg . Epona Guillaume . Séléné Guillaume . Pierre Kissling . Vincent Lécuyer . Bernard Marbaix . Zoé Kovacs . Jean-Benoît Ugeux . Anne-Cécile Vandalem . Françoise Vanhecke Bühne Ruimtevaarders Sounddesign Jean-Pierre Urbano Lichtdesign Enrico Bagnoli Kostüme Laurence Hermant Videodesign Arié van Egmond . Federico D’Ambrosio Produktion Das Fräulein (Kompanie) Koproduktion Théâtre de Liège . Le Volcan – Scène Nationale du Havre . Théâtre National – Bruxelles . Théâtre de Namur – Centre dramatique . Le Manège Mons . Bonlieu Scène Nationale Annecy . Maison de la Culture d’Amiens – Centre européen de création et de production . Les Théâtres de Marseille – Aix en Provence


Schauspielhaus


08.06. 19:00 Uhr . Eröffnung

09.06. 19:00 Uhr

Eintritt VVK 24 / 18 Euro . AK 26 / 20 Euro
Ermäßigt VVK 12 / 9 Euro . AK 13 / 10 Euro
Einführung 09.06. 18:30 Uhr . Theatermuseum
Dauer 2h15 . keine Pause
Sprache Französisch mit deutschen und englischen Übertiteln

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Mit einem anderen leben

Esther Boldt über Tristesses und Oblivion

Zwei höchst unterschiedliche Künstlerinnen kommen aus Brüssel nach Hannover: die Wallonin Anne-Cécile Vandalem und die Flämin Sarah Vanhee. Während die Inszenierungen der einen hoch realistisch daherkommen, mit sorgfältig ausstaffiertem Bühnenbild und einer Geschichte, sind die der anderen reduzierte Versuchsanordnungen mit offenem Ausgang. Beide aber sind nicht nur Regisseurinnen, sondern schreiben auch ihre eigenen Texte und stehen selbst auf der Bühne. Ihre unterschiedlichen Herangehensweisen haben viel mit den verschiedenen Traditionen zu tun, in denen sie sich bewegen, ist die Theaterszene Belgiens doch nach Sprachen segregiert: „Wir als Wallonen sind frankophon“, erzählt Vandalem. „Wir gehören zu Frankreich, das eine starke Theatertradition hat und eine Sprache mit einer Geschichte. Diese Tradition und diese Geschichte haben ein Gewicht, das wir tragen müssen.“ Viele Wallonen würden Theater noch immer mit Schauspiel gleichsetzen, während die Flamen freier seien und mehr erfinden könnten. „Gewöhnlich sind die Szenen sehr getrennt“, stimmt Vanhee zu. „Die belgische Identität ist die Inklusion zweier Kulturen, die nicht so einfach zu verbinden sind. Man lebt immer mit einem anderen, den man nie vollständig verstehen wird.“ Während die flämische Szene in den letzten 15 Jahren eine starke politische Unterstützung erfuhr, die die Gründung von Kompanien ebenso ermöglichte wie Touring und Recherche, herrscht in der wallonischen Szene erst jetzt Aufbruchstimmung: „Die Ausbildung verändert sich, Schauspieler sollen auch Kreateure sein“, erzählt Ann-Cécile Vandalem.


Sowohl die bilderstarke Inszenierung Tristesses von Anne-Cécile Vandalem als auch die minimalistische Performance Oblivion von Sarah Vanhee werfen einen höchst kritischen Blick auf unsere Gegenwart: Vandalem erzählt die Geschichte eines fiktiven Dorfes, das in einer wirtschaftlichen Krise der Propaganda einer neuen Partei verfällt. Diese Propaganda basiert auf der Entstellung von Tatsachen, darauf, dass Realitäten geschaffen werden, indem man sie herbeiredet – indem beispielsweise Konflikte zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen beschworen werden, wie dies Vandalem in den vergangenen Jahren in den Reden von Politikern wie Nigel Farage, Marine Le Pen und Geert Wilders beobachtet hat: „All diese Populisten arbeiten mit der Angst. Sie geben Dinge vor, die die Realität auf eine bestimmte Weise konstruieren. Die Sprache, die sie benutzen, schafft eine neue Realität.“ Diesen Prozess verhandelt sie in ihrem Stück, in dem die ausgebildete Schauspielerin auch die Hauptrolle der Rechtspopulistin Martha Heiger spielt. Auf der Bühne steht bei ihr das Modell eines Dorfes, dessen Innenräume als Filmsets dienen, während das Theater auf dem öffentlichen Platz zwischen den Häusern stattfindet. Virtuos verwebt die Künstlerin beide Ebenen, Darstellungsweisen und Realitäten zu einem dunklen Traum über die Verführungskraft des Kontrafaktischen.


Die Bühne von Oblivion ist dagegen zunächst leer, um im Laufe des Abends mit immer mehr recht kleinen Dingen gefüllt zu werden. Ein Jahr lang hat Sarah Vanhee all ihren Müll gesammelt, gereinigt, in Kartons verwahrt und archiviert. In ihrer Solo-Performance nun packt sie ihn wieder aus und verwandelt diesen Prozess in eine Kontemplation über unsere Wegwerfgesellschaft, die vorgibt, stets nur nach vorn schauen zu können, in eine blitzsaubere Zukunft, während sich hinter ihr die Müllberge türmen. Vanhee interessieren in ihren künstlerischen Arbeiten stets die Dinge, die im Verborgenen liegen: „Eine Gesellschaft hat immer eine Schattenseite, und jemand hat Interesse daran, diese verborgen zu halten. Wir können viel lernen, wenn wir uns fragen, warum verborgen ist, was verborgen ist.“ In ihrer Performance widmet sie sich der Beziehung, die wir zu den Dingen unterhalten, und der permanenten Transformation vom Wertvollen zum Wertlosen, die diese durchläuft. „In den 1950er Jahren war eine gute Hausfrau eine, die nichts wegwarf“, so Vanhee. „Heute gilt als pathologisch, nichts wegzuwerfen.“

Während Sarah Vanhee so das gewöhnlich Verborgene im Scheinwerferlicht der Bühne neu arrangiert, lotet Anne-Cécile Vandalem die Untiefen des Sichtbaren aus. Beide erzählen von zutiefst irritierenden Transformationen, die unsere Gegenwart prägen – sei es nun die Verwandlung begehrter Gegenstände in wertlosen Abfall oder die Schaffung neuer Realitäten durch eine angsttreibende Rhetorik.

Tristesses läuft am 8. und 9. Juni um 19.00 Uhr im Schauspielhaus.

Oblivion läuft am 14. Juni um 21.00 Uhr und am 15. Juni um 19.30 Uhr im Ballhof Eins.



Esther Boldt
arbeitet als Autorin, Tanz- und Theaterkritikerin für Zeitungen und Magazine wie die taz, nachtkritik.de,
Theater heute und tanz Zeitschrift. Sie war zudem in verschiedenen
Jurys tätig, u.a. beim Hörspiel des Jahres 2009, bei der Tanzplattform
Deutschland 2014 und beim Else-Lasker-Schüler-Preis 2016. Foto: Harald Schröder 



Anne-Cécile Vandalem
geboren 1979 in Liège, absolvierte die Schauspielschule in Liège und arbeitete mit verschiedenen Theaterkollektiven und Filmregisseuren zusammen. Seit 2003 schreibt und inszeniert sie selbst, 2008 gründete sie Das Fräulein (Kompanie). Zu ihren ersten Stücken zählten Zaï Zaï Zaï Zaï (2003) und Hänsel und Gretel (2005), zwischen 2008 und 2013 entstand die Trilogy of Paranthesis. In ihren Arbeiten setzt Vandalem Innen- und Außenräume, Fiktion und Realität, Kino und Theater in eine spannungsreiche Beziehung. Konkrete Wohnsituationen werden für sie zum Sinnbild einer individuellen, familiären oder kollektiven Prägung und immer wieder stellt sie die Frage nach den Möglichkeiten, Dinge zu verändern. Tristesses feierte 2016 in Liège Premiere. Foto: Jean-Benoit Ugeux



Sarah Vanhee
Jahrgang 1980, ist Performerin und Autorin aus Flandern. Vanhees Stücke spielen oftmals an theaterfremden Orten – in privaten Wohnzimmern, Gefängnissen und Parks. In Hannover zeigt Vanhee mit Oblivion eine Bühnenarbeit, eine One-Woman-Show, die auf einem Selbstversuch fußt und Performance-Art und visuelle Kunst vereint. Vanhees Performances waren u a. zu sehen im De Appel Art Centre in Amsterdam, im Centre Pompidou Metz, beim Brüsseler Kunstenfestivaldesarts und beim Wiener Festival ImPulsTanz. Ihre Arbeiten wurden nominiert für den Ton Lutz Prijs 2007, Prix Jardin d’Europe 2010 und den VSCD Mimeprijs 2012. Vanhee ist Mitbegründerin des Künstlernetzwerks Manyone. Foto: Phile Deprez