WANASET YODIT (FÜR ZUHAUSE)

01 Wanaset Yodit L Soliman Kopie

Laila Soliman . Kairo . Ägypten

Eine Begegnung über die Zeiten und Kulturen hinweg

Zwei Frauen aus Soltau, Abir Omer und Yodit Akbalat, sind vor einigen Jahren aus dem Sudan nach Norddeutschland geflüchtet. 2019 haben sie mit vier anderen Frauen aus der Gruppe „My Body Belongs to Me“ ein gleichnamiges Dokumentarprojekt über Genitalverstümmlung und Frau*sein auf die Bühne gebracht, mit Tanz und Gesang. Dabei lernten sie die ägyptische Regisseurin Laila Soliman kennen und entwickelten die Idee für Wanaset Yodit.

Was als Kaffeezeremonie mit Publikum geplant war, findet nun Zuhause statt: die beiden Freundinnen teilen ihre Alltagsgeschichten, ihr Lachen und ihre Tränen mittels einer Postsendung, die das Festival Theaterformen verschickt. Anders als bei den Versandaktionen zu Granma. Posaunen aus Havanna und My Beloved Prison Guard wird hier über Telefon ein direkter Kontakt zu den Performerinnen hergestellt, deswegen ist ein Ticketkauf für einen bestimmten Aufführungszeitraum notwendig.

Wenn Sie ein Ticket kaufen, erhalten Sie am Tag vor Ihrem gebuchten Datum eine E-Mail vom WANASET YODIT-Team. Bitte lesen Sie diese E-Mail aufmerksam; Sie enthält notwendige Informationen für den Ablauf.
Achtung: Wanaset Yodit gibt es auch als Installation vor Ort in Braunschweig – allerdings an anderen Tagen und Zeiten. Bitte wählen Sie zwischen den beiden Fassungen.

Online-Gespräch The One Thing That Helped
Mit Laila Soliman und Martine Dennewald
MO 06.07. 19.30 Uhr

Um an den Live-Gesprächen teilzunehmen, ist eine Anmeldung erforderlich. Schicken Sie uns dazu bitte eine Mail an talks@theaterformen.de Mit unserer Antwort erhalten Sie Zugangs-Links zu den Gesprächen, die auf der Plattform Zoom stattfinden. Eine Anleitung für Zoom finden Sie auf unserer Homepage unter diesem Link: Zoom Tutorial

Video anschauen

Von und mit Yodit Akbalat . Abir Omer Konzept . Regie Laila Soliman Konzept . Bühne Moïra Gilliéron Konzept . Sound Design. Nancy Mounir. Videoschnitt Ahmed Al Saaty Kamera Nancy Mounir. Swantje Möller Übersetzung Khalda Yagoob. Katherine Halls . Carolin Seidl . Panthea Produktionsleitung Swantje Möller. Franziska Schmidt Produktion produktionsDOCK Koproduktion Festival Theaterformen . Kaserne Basel . Theater Bremen Dank dem Fachausschuss Tanz und Theater Basel-Stadt und Basel-Land


Briefkasten 3


Die Zustellung der Briefsendung dauert mindestens einen Werktag, daher müssen Tickets für Wanaset Yodit (Zuhause) bis spätestens einen Tag vor dem Vorstellungsdatum bis zur Mittagszeit gebucht werden. Tickets für Montag 6.7. müssen bis Freitag 2.7. am Mittag gebucht werden.

02.07. 15:00 - 17:00 Uhr

06.07. 15:00 - 21:00 Uhr

07.07. - 09.07. 15:00 - 17:00 Uhr

Eintritt 8 Euro
Ermäßigt 5 Euro
Dauer 30min
Sprache Sudanesisches Arabisch und Deutsch

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Ein Gespräch, das es in Wirklichkeit nie gegeben hat

von Laila Soliman

Für die letzte Ausgabe des Festivals Theaterformen erarbeitete die ägyptische Regisseurin Laila Soliman gemeinsam mit Ruud Gielens und einer selbst organisierten Gruppe von Frauen, die in Niedersachsen leben, eine Performance über FGM (female genital mutilation / weibliche Genitalverstümmelung); „My Body Belongs to Me“ wurde im Juni 2019 in Hannover uraufgeführt. In Braunschweig zeigt Laila Soliman ihre neue Arbeit „Wanaset Yodit“, was in etwa „Kaffeeklatsch mit Yodit“ bedeutet, als Uraufführung in Form einer Installation und postalisch. Was Laila Soliman bei Sufi-Nächten in Kairo lernt, wie sie die gesellschaftliche Rolle von Künstler*innen einschätzt und was ihr kreatives Schaffen ausmacht, reflektiert sie in einem kurzen Erfahrungsbericht.

Da ich versäumt hatte, meine Überlegungen
zur „kreativen Arbeit von innen“
vollständig in Worte zu fassen.
Bei unserem letzten Gespräch.
Hatte ich nach der Abreise das Gefühl.
Das Gespräch wäre nicht zu Ende gebracht
worden.
Ich hatte das Gefühl, das Gespräch hatte
noch nicht mal richtig begonnen.

Ich gab mir selbst die Schuld.
Nur wusste ich nicht, wieso es mir so
außergewöhnlich schwergefallen war,
meine Gedanken in Worte zu fassen.
Genau zu formulieren, womit ich mich
seit Jahren beschäftige und das zu hinterfragen.
Vielleicht lag es an dem Wort „Krise“.
Ein Wort, mit dem ich nicht umgehen
kann, jedenfalls nicht in Bezug auf 2011.
Für mich findet die Krise jetzt statt. Manifestiert
sich seit 2013.

Dann kam ich drauf.

Eine naive, junge Journalistin baute in
Berlin ihre Kamera auf.
Um ihr erstes Videointerview für ein
Online-Theatermagazin zu führen.
Sie fragte:
„Können Sie mir Ihr schlimmstes Erlebnis
während der Revolution berichten?“
Ich sagte, „Nein, kann ich nicht.“
Sie stellte mir ein paar andere Fragen zur
Politik.
Ich merkte, dass ich die Antworten nicht
liefern wollte oder konnte.
Einen Monat zuvor hatte ich ein Sitespecific-
Projekt abgebrochen, das ich
in Kairo realisieren sollte.
Ein Forschungsprojekt zum abstrakten
Konzept des Verschwindens.
Wenn ich ehrlich sein sollte, ein Projekt
über meine Obsession mit unfreiwilligem
Verschwinden.
Aber das durfte ich ja nicht mal aussprechen.
Ich hatte gedacht, ich hätte einen Burnout,
aber nachdem ich das Projekt abgebrochen
hatte, wusste ich, was es war.
Es war die Angst, die mich veranlasste,
das Projekt zu verschieben.
Die Angst, in Angst zu produzieren.
Mit Angst.
Oder vielleicht aus Angst.

In den letzten Jahren
– insbesondere seit der Machtergreifung
Sisis 2013 –
hatte ich Möglichkeiten gefunden, im richtigen
Moment das zu sagen, was ich sagen
wollte und gleichzeitig „so ziemlich“ auf
der sicheren Seite zu bleiben, damit mein
Team in „relativer“ Sicherheit war.
Aber um welchen Preis?
Verteidigungsstrategien?
Nerven?
Weniger Sichtbarkeit?
Ist das jetzt noch möglich?
Ist es das wert?

Stillstand.
Ängstliches Herzklopfen.

An dem Punkt stehe ich jetzt.
Weil mir in Dakar die Worte dafür fehlten,
muss ich es einsehen.
Und jetzt aussprechen.

Ich erinnere mich: Bis 2011 fiel mir Regieführen
schwerer.
Die Suche nach Perfektion.
Das hat man davon, wenn man Tode mit
ansieht, Verletzungen.
Körperliche Gewalt erlebt.
Das Adrenalin hilft einem, das zu akzeptieren.
Kunst wird wieder zum flüchtigen Augenblick.
Oder zu einer Reihe von Momenten.
Theater ganz besonders.
Eine Vorstellung ist wieder ein flüchtiger
Augenblick.
Das wurde mir erneut klar.
Das wird nicht auf Papier festgehalten.
Es bleibt nicht.
Nicht einmal all die Versionen, die durch
die Erinnerung der Zuschauer*innen
geistern, haben die Macher*innen unter
Kontrolle.
Das hat mich daran erinnert, dass es
nicht darum ging, recht zu haben.
Es ging um den gemeinsamen Augenblick.
Der Anlass ist nachrangig.
Es geht um den Moment.
Vor allem anderen.
Womit diese Diskussion viel schwieriger
wird.
Denn eine Inszenierung besteht nicht bloß
aus Sprache.
Es geht um das Gefühl in der Stimme, die
da spricht.
Mehr als um das gesprochene Wort.
Die Musik der Sprache.
Und um die Musik.
Um Dunkelheit und Schatten mehr als um
das Licht.
Um die Körper.
Ihr Handeln und ihr Schweigen.
Ihre schiere Präsenz im Verhältnis zu
jemand anderem.
Zu etwas anderem.

Ist Sprache also unser Problem oder
unser Anlass zum Schreiben?
Wenn es um „das Schließen der Lücke
zwischen Sprache und Leben“ geht.
Fühlt sich das an, als würde zu viel
erwartet.
Von der Sprache.
Und von den Schreibenden.
Oder von uns selbst als Schreibenden.

Ich glaube, der Schlüssel zum „kreativen
Arbeiten von innen“ liegt in der Reaktion
auf das Bedürfnis, ins Gespräch
zu kommen.
Mit denen, die vielleicht gleicher Meinung
sind, aber noch mehr mit denen, die anderer
Meinung sind.
Das macht Angst.
Und es scheint, als lohne die Mühe nur,
wenn das Bedürfnis stark ist.
Aufrichtig.
Und die Arbeit dem in dem Moment Gegebenen
entspricht.
Dem Gefühl, dem Gedanken, der Frage,
der Ahnung, dem Zweifel.
Indem man darauf besteht, dem einen
öffentlichen Raum zu geben.
Ohne irgendeine Wahrheit zu behaupten,
irgendein Ergebnis.
Sondern eine Chance zu nutzen, miteinander
zu sprechen.
Auf unserem Bürgerrecht besteht, auf der
Entscheidungsfreiheit als Menschen.
Voranzuschreiten, oder möglicherweise
auch still zu stehen.
Zusammen.

Ich glaube, wenn man in dem Moment
auf der Bühne steht, liegt das Geheimnis
darin, dass es einem egal ist, ob man
recht hat.

Als ich ein Kind war, wurden in meiner
Familie Intellektuelle als allwissende
Götter betrachtet.
Künstler*innen mussten Intellektuelle
sein, mussten sich auskennen!
Politik, Ereignisse, Krise weitsichtiger
betrachten als der Durchschnittstyp – und
erst recht die Frau – auf der Straße.
Die Gesellschaft im Widerstand anführen.
Der Geist der Sechziger.

Mein Vater schrieb Gedanken auf.
Meinungen. Aussagen. Urteile.
Weigerte sich, Gefühle wie Schwäche
oder Selbstzweifel festzuhalten.
Gestand Zerbrechlichkeit nur ein, wenn er
zynisch war.
Beim Malen jedoch konnte er alles, was er
beim Schreiben nicht durfte.
Konnte sich sagen, dass er jederzeit noch
eine Schicht Farbe auftragen konnte.
Am nächsten Tag.
Nächstes Jahr.
Wann er wollte.
Sein Trick bestand darin, kein Bild zu
signieren, das noch im Atelier war.
Er sagte sich, es sei noch nicht fertig.

Wie aber ist das bei einer veröffentlichten
Seite möglich?
Nicht mehr veränderliche Worte.
Und wenn sie nun behaupteten, das zu
sein, was sie sind?
Ein Produkt des Augenblicks.
Ein winziges, zusammenhangloses Stück
Leben.
Und nicht eine kohärente Beschreibung
des Lebens.
Nicht die Erklärung für ein unerklärliches
Leben.
Ich bin überzeugt, dass das nur möglich ist,
wenn man die Person nicht außen vor lässt.
Der Versuch, aus einer inneren Erfahrung
heraus kreativ zu arbeiten, muss
scheitern.
Sofern das Ich nicht vollständig berücksichtigt
wird.
Durchsichtig.
Nackt.

So nackt, wie man nur sein kann.
Im jeweiligen Augenblick.
Als Bestandteil der Nachrichten.
Gegen die Nachrichten.
Vielleicht über den Nachrichten stehend.
Im Wissen, dass sich auch die winzigsten
Teile eines Lebens nicht in Nachrichten
zusammenfassen lassen.
All diese Schichten.
All seine Klänge.
All seine Bilder.
Die Farben, die fehlenden Farben.
Und alles, was unsere Körper erleben.
Alles in unserem Innern, was sich nicht
beschreiben lässt.

Ich bin mit dem Hass auf die Arroganz
der Intellektuellen großgeworden, die
behaupten, Bescheid zu wissen.
Die Gewalt hat mich daran erinnert.
Mich demütig gemacht.
Hinsichtlich der Kunst.
Hinsichtlich dessen, was ich schaffen
wollte.
Gewalt hat mich hilflos gemacht.
Mich gezwungen, nach Möglichkeiten zu
suchen, das Einzige zu tun, was ich kann.
Gegen den bloßen Gedanken an Distanz
aufzubegehren.
Auf den kundigen Überblick zu scheißen.

Ich glaube, am besten kann ich das mit
dem Unterschied zwischen Horchen mit
den Ohren und Horchen mit dem ganzen
Körper beschreiben.
Der Unterschied zwischen Horchen aus
sicherer Bewegungslosigkeit heraus und
Horchen beim Bewegen zu Musik.
Nicht beim Spielen als eines der Instrumente.
Nicht beim Singen.
Aber beim Tanzen würde ich sagen.
Die Metapher ist nicht neu.
Meines Erachtens kommt sie diesem Grad
versuchter Beteiligung aber am nächsten.
Dieser Verbindung aus äußerer Erfahrung
und innerem Erleben sowie dem
Ausdruck dieser Verbindung in der Mitte
zwischen beidem.
Aber zum Tanzen muss man Grenzen
überschreiten.
Wie stark wir sind, wenn wir zusammen
tanzen können!

In letzter Zeit habe ich häufig an
Sufi-Nächte in Kairo gedacht.
Wie ich möglichst viele besuche.
Nicht wegen des transzendenten Momentes,
das darin liegt.
Sondern wegen der Vielschichtigkeit der
Erfahrung.
Die gesungenen Gedichte.
Das Sprechen dazwischen.
Die Atemmuster. Die Bewegungen.
Das Horchen.
Die Schichtung dieser Elemente.
Als kollektiver Versuch, im Augenblick zu
bleiben.
Schaffen wir es, in der Bewegung zu
schreiben?
Zu handeln aus einem Erleben heraus?
Nicht als Zuschauer*innen daneben
zu stehen?

Oder ist das ein unmögliches Paradox?
Was wäre, wenn Schreibende die Erwartung
der Weisheit ignorierten?
Was, wenn Schreiben seine Fragen und
Zweifel mit Stolz vorwiese?
Was, wenn es sich nie für fehlende Antworten
entschuldigte?
Würde das den „Jetlag kritischer Arbeit“
mindern?
Was wäre, wenn kritisches Arbeiten nicht
linear zu sein hätte?
Was, wenn es sich selbst gestattete,
wechselhaft und emotional zu sein und
Distanz zu vermeiden?
Könnte man das noch „kritisches Arbeiten“
nennen?
Was, wenn geschriebene Sprache Momente
des Schweigens enthalten könnte?
Wenn Schreiben und Lesen die übrigen
Sinne einschlösse?
Wenn sich darin eine Möglichkeit fände,
die vielfältigen Schichten des Erlebens,
der Wahrnehmung abzubilden?

So möchte ich mein Leben leben und
kreativ von innen heraus arbeiten.
Mit diesem Bewusstsein.
Ohne Schutzschilde.
Mit Integrität.

Kürzlich fragte mich ein Freund, ob es
noch ein „Innen“ gebe?
Meine Antwort ist, dass es immer ein
„Innen“ gibt, in dem man lebt.
Daher muss es eines geben, aus dem
heraus man kreativ sein kann.
Das uns mit dem verbindet, was in unserem
Inneren vorgeht.
Damit es sich mit dem in Verbindung
setzt, was in den anderen vorgeht, die im
selben Moment im selben Raum sind.


Foto: Ebtihal Shedid



Laila Soliman, geboren 1981 in Kairo, arbeitet seit 2004 als Theaterregisseurin, Dramaturgin und Dramatikerin. Sie studierte Theaterwissenschaften und Arabische Literatur an der American University in Kairo und machte einen Master an der Amsterdam University of the Arts – DAS Theatre.
Laila Soliman, die in Kairo lebt, interessiert sich für politische Prozesse und gesellschaftlichen Wandel und für das Verhältnis von Staat und Individuum. Kollektive Erinnerungen und persönliche Geschichten gehen in ihren Arbeiten, die „offizielle“ Versionen um intime und individuelle Erfahrungen ergänzen, einher.