Eine Innenansicht der JVA Rennelberg. Ein langer, symmetrischer Gefängnisflur mit Zellentüren auf beiden Seiten, abblätternder Farbe auf dem Boden.
Gesicherter Gefängniseingang mit Metalltor und Stacheldraht, der in einen leeren Innenhof zwischen Backsteinmauern führt.
Ein Bild der JVA Rennelberg. Ein rotes Backsteingebäude mit vergitterten Fenstern, einen Hof mit Zäunen und Stacheldraht unter grauem Himmel.

NO PRISON

Performances to Break Cycles of Injustice

Theater, Konzert, Kino, Diskussion, Festivalzentrum im Gefängnis: Die ehemalige JVA Rennelberg öffnet erstmals ihre Türen für die Öffentlichkeit

Ein Blick ins Gefängnis sagt viel über eine Gesellschaft und ihre Ungerechtigkeiten aus. Wer wird eingesperrt und wofür? Die JVA Rennelberg diente dem NS-Regime als Instrument, um politischen Widerstand zu brechen. Auch heute nutzen autoritäre Staaten auf der ganzen Welt Gefängnisse als Mittel zum Machterhalt. Doch auch in liberalen Gesellschaften wird hinterfragt, ob Gefängnisse wirklich Gerechtigkeit herstellen können.

Festival Theaterformen öffnet erstmals die Tore der JVA Rennelberg für die Öffentlichkeit und verwebt Braunschweiger Stadtgeschichte mit den Perspektiven internationaler Künstler*innen auf Ungerechtigkeit und staatliche Gewalt. Performances von Harald Beharie, LASTESIS, Nicoleta Esinencu / teatru-spălătorie, Public Movement und Sonya Lindfors & Maryan Abdulkarim entstehen vor Ort neu. 

Das Festivalzentrum bietet Raum zur Auseinandersetzung, zum Entspannen bei einem Getränk in der Sonne und um bei den Silent Discos gegen die Gewalt der Architektur anzutanzen.

Die JVA Rennelberg, die kein Gefängnis mehr ist, aber auch noch nicht von der Investitionsbranche übernommen, wird für kurze Zeit zu einem Möglichkeitsraum. NO PRISON lädt ein, an diesem Ort der Vereinzelung und des Ausschlusses zusammenzukommen und gerade hier Gemeinschaft und Kunst zu erleben.

 

Geschichte der JVA Rennelberg 

In den Jahren 1884 bis 1885 wurde nahe der Braunschweiger Innenstadt das neue Kreis- und Untersuchtungsgefängnis Braunschweig errichtet. In der späteren Bundesrepublik wurde das Gefängnis in Justizvollzugsanstalt Braunschweig umbenannt. Umgangssprachlich wird das Gefängnis auch JVA Rennelberg oder Rennelberg-Gefängnis genannt.

Ursprünglich sollte das Gefängnis die veralteten Haftstätten der Stadt ersetzen, die baulich überholt, überbelegt oder hinsichtlich der Sicherheit unzureichend waren. Der Neubauten zielte darauf ab, Untersuchungshaft, Kurzstrafenvollzug und Amtsgerichthaft unter einem Dach zu vereinen, anstatt sie – wie zuvor üblich – auf viele verschiedene Standorte zu verteilen. Das Kreis- und Untersuchtungsgefängnis Braunschweig wurde nach den neuen Standards der Idee des Reformstrafvollzugs der 1880er und 1890er Jahre erbaut (kreuzförmiger Grundriss, Einzelzellen, bessere Nutzung des Tageslichts) und bot ursprünglich Platz für 296 Gefangene in 166 Zellen (280 Männer und 20 Frauen). Das Kreis- und Untersuchungsgefängnis Braunschweig war das zentrale Frauengefängnis des Freistaates Braunschweig und nahm damit eine Schlüsselposition innerhalb des Strafvollzugssystems ein.

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden im Kreis- und Untersuchungsgefängnis Braunschweig aufgrund der nationalsozialistischen Gesetzgebung und Urteilssprechung politische Gegner*innen und vom Regime ausgegrenzte und verfolgte Personen inhaftiert. In der Folge war das Gefängnis stark überbelegt.

Außerdem wurde durch die Nationalsozialisten die sogenannte „Schutzhaft” eingeführt, bei der Personen durch Gestapo und die Kriminalpolizei ohne Gerichtsverfahren oder Anklage festgenommen und in „Schutzhaft“ genommen wurden, um die Bevölkerung vor ihnen zu schützen. Die Inhaftierung erfolgte ohne Beweisführung oder Gerichtsverfahren und konnte unbegrenzt verlängert werden. Allein im Kreis- und Untersuchungsgefängnis Braunschweig waren mindestens 500 Personen in so genannter Schutzhaft.
 

Bekannte Inhaftierte

Zu den bekanntesten Inhaftierten zählten der ehemalige Braunschweiger Oberbürgermeister Ernst Böhme und der ehemalige Ministerpräsident Heinrich Jasper; letzterer wurde zunächst wieder freigelassen und später nach einer erneuten Gefangennahme im Februar 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen ermordet.

Das Kreis- und Untersuchungsgefängnis Braunschweig war die zentrale Frauenhaftanstalt im Land Braunschweig und damit ein zentraler Ort der Verfolgung weiblicher Gefangener, wie z.B. die 19-jährige Erna Wazinski – die nach einem erzwungenen Geständnis später im Strafgefängnis Wolfenbüttel hingerichtet wurde.
 

Befreiung

Am 12. April 1945 wurden rund 900 Gefangene von amerikanischen Truppen befreit. Nach der Befreiung 1945 waren zahlreiche NS-Funktionäre in Braunschweiger Gefängnis inhaftiert, darunter der nationalsozialistische Ministerpräsident des Freistaates Braunschweig Dietrich Klagges. In den frühen Nachkriegsjahren waren dort zudem Personen untergebracht, die auf ihre Entnazifizierung oder ein Strafverfahren warteten. Mindestens einem prominenten Häftling – dem SS-Offizier Hans-Walter Zech-Nenntwich – gelang 1964 die Flucht mithilfe eines weit verzweigten Netzwerks von Unterstützer*innen innerhalb und außerhalb der Anstalt.
 

Schließung und Verkauf

Die Einrichtung des niedersächsischen Justizministeriums wurde 2024 geschlossen; Gründe hierfür waren gravierende bauliche Mängel, veraltete Sicherheitsstandards sowie ein öffentlich bekannt gewordener Fall, bei dem sechs Mitgefangene einen 17-jährigen Untersuchungshäftling wiederholt gewaltsam angegriffen hatten. Die Schließung erfolgte nach jahrzehntelanger Kritik an Personalmangel, unzureichender Sicherheitstechnik und dem fortschreitenden Verfall der Gebäude, dessen Zustand bereits seit Ende des 20. Jahrhunderts als problematisch galt.

Im Mai 2024 wurden die verbliebenen 44 Gefangenen in die JVA Wolfenbüttel verlegt. Angesichts der dokumentierten Bedeutung des Gefängnisses bei der NS-Verfolgung wird derzeit darüber diskutiert, Teile des Geländes als Gedenkstätte zu erhalten. Im September 2025 wurden die Gebäude auf dem mehr als 13.000 Quadratmeter großen Grundstück für 3,6 Millionen Euro zum Kauf angeboten. Laut den Verkaufsbedingungen sind bei einer Nachnutzung unter anderem Gastronomie, Kulturprojekte und Wohnungsbau möglich.


Angaben zur Produktion

Fotos: Anton Vichrov